Das Kino war meine Kirche – Danny Elfman beim FIMU Vienna Symposium 2017

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Foto: © Johannes Kraus

Seit zehn Jahren gedenkt »Hollywood in Vienna« den Wiener Wurzeln der Filmmusik und ehrt bedeutende Filmkomponisten der Gegenwart mit dem Max Steiner Film Music Achievement Award. Neben John Barry, James Horner und Alexandre Desplat darf sich nun auch Danny Elfman zu den Preisträgern zählen. Im »FIMU - International Film Music Symposium Vienna« sprach der »Batman«-Komponist über seinen ungewöhnlichen Werdegang

»Hollywood in Vienna«, das ist für Dirigent John Mauceri vor allem eins: Heimführung. Die durch Exilanten in den USA zur Zeit des Zweiten Weltkrieges präservierte Musikkultur Mitteleuropas findet in Form von Filmmusik ihren Weg zurück in die Heimat. Ein Zeichen der Völkerverständigung, in unserer heutigen Zeit vielleicht nötiger denn je. Für wenige Tage wurde Österreichs Hauptstadt zum internationalen Forum der Filmmusik. Zusätzlich zur »Hollywood in Vienna«-Konzertgala am 29. September fand drei Tage zuvor das »FIMU - International Film Music Symposium Vienna« statt. In der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien gewährten die Stargäste von Übersee Einblicke in ihre Arbeitsweisen und berichteten von ihren Erfahrungen in der Traumfabrik.

Von der Vergangenheit und Gegenwart der Filmmusik

So erzählte der Südafrikaner Lebo M aus seinem bewegten Leben und wie es zur berühmten Zusammenarbeit mit Hans Zimmer für »König der Löwen« kam. »Sherlock Holmes«-Violinist Aleksey Igudesman unterhielt mit amüsanten Anekdoten und warb für seine App Music Traveler, mit der Musiker jederzeit und überall einen Probenraum mieten können. Im Dialog mit Soundtrack-Produzent Robert Townson sprach Orchestrator und Dirigent James Shearman von seiner Zusammenarbeit mit Patrick Doyle (»Cinderella«) und Alan Menken (»Die Schöne und das Biest«) sowie den Veränderungen der Filmmusik-Branche in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren.

John Mauceri spricht auf der FIMU Vienna 2017

Immer wieder war vom Filmmusik-Erbe der Großmeister die Rede. Wiener Max Steiner (»Vom Winde verweht«, »Casablanca«) wurde mehrfach als Vater der Filmmusik ausgezeichnet. Steiners dramatische Musik für »Symphony of Six Million« (1932) gilt als Prototyp der untermalenden Filmmusik, die für John Mauceri Techniken der klassischen Schauspielmusik wie etwa Beethovens Egmont (op. 84) für den Film weiterentwickelte. Zusammen mit Landsmann Erich Wolfgang Korngold (»Die Abenteuer des Robin Hood«) bildete Steiner die filmmusikalische Sprache Hollywoods aus, in dessen Tradition sich heutige Komponisten wie John Williams oder Danny Elfman bewegen. Ebenso fiel häufiger der Name Hans Zimmer – Ein Mann, der die zeitgenössische Filmmusik vielleicht wie kein anderer prägte.

So orientierte man sich für die Orchestrierung von »Die Schöne und das Biest« passend zum düsteren Ton der Neuverfilmung an Zimmers Sound, der sich vor allem durch Streicher im mittleren Register auszeichne, wie Shearman erklärte. Tatsächlich liegt ein Grund, warum gegenwärtige Filmmusik aus Hollywood so generisch klingt, darin, dass viele Komponisten Zimmers Musiksprache imitieren, die sich mehr um musikalische Texturen schert als eingängige Melodien. Hinzu kommt, dass viele seiner Musikstücke als temp tracks dienen, musikalische Platzhalter in der Schnittphase, deren Sound vom Filmkomponist auf Wunsch der Regisseure und Produzenten reproduziert wird. Igudesman brachte es auf den Punkt: »Hans Zimmer klingt nicht wie alle Welt, sondern alle Welt klingt wie Hans Zimmer.«

Danny Elfman im Gespräch

Schließlich betrat Danny Elfman das Podium. Im Gespräch mit der Billboard-Herausgeberin Melinda Newman rekapitulierte er die wichtigsten Stationen seiner Karriere, seine Vorliebe für Chöre sowie die Zusammenarbeit mit Tim Burton. Elfmans Karriere bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation, ein Thema, welches das Symposium als roter Faden begleitete. Mit Hans Zimmer verbindet Elfman der unorthodoxe Weg zur Filmmusik. Beide genossen keine klassische Musikausbildung, sondern brachten sich als Autodiktaten das Musizieren und Komponieren während ihrer Karriere als Rockmusiker selber bei. Indem er in den 70er Jahren Jazz- und Big Band-Stücke für die Musikkabaretttruppe The Mystic Knights of Oingo Boingo seines Bruders Richard Elfman arrangierte, trainierte Elfman sein absolutes Gehör, lernte, Musik zu notieren und transkribieren, auch wenn er nicht immer wusste, in welcher Tonart er sich gerade befand. Sein Zugang zum Musik ist intuitiv, geschult durch die Praxis.

Das Kino war meine Kirche

»Ein Filmkomponist muss vor allem ein Therapeut sein«, sagte Elfman einmal. Er muss verstehen, was der Regisseur in einer Szene wirklich ausdrücken will und das Unausgesprochene in Töne umwandeln. Elfmans Karriere ist von langjährigen Kollaborationen mit befreundeten Filmemachern durchzogen, unter ihnen Sam Raimi (»Spider-Man«, »Die fantastische Welt von Oz«), Gus Van Sant (»Good Will Hunting«, »Milk«) und David O. Russell (»Silver Linings«, »Joy – Alles außer ungewöhnlich«). Am bekanntesten ist er jedoch für seine Zusammenarbeit mit Fantasy-Auteur Tim Burton, für den Elfman derzeit alle bis auf drei Filme vertonte. Einfallsreich malt Elfman die Konturen von Burtons Bilderwelt mit den Klangfarben des Orchesters nach und bringt den fantasievoll ausgeschmückten Filmraum zum erklingen. Das Geheimnis ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit liegt in ihrer gemeinsamen Vorstellungswelt verborgen, die von einer tiefen Liebe zu alten b-movie-Monsterfilmen und ihren missverstandenen Antihelden geprägt ist. Elfman begann seine musikalische Früherziehung im Lichtspielhaus um die Ecke, wo er jedes Wochenende vor der kalifornischen Sonne Schutz suchte und zu Horror-Trash-Filmen die Leinwand anschrie: »Das Kino war meine Kirche.«

»Frankenweenie« (2012)

Als Elfman 1985 von Tim Burton gefragt wurde, dessen Regie-Debüt »Pee-Wee irre Abenteuer« zu vertonen, war er zunächst irritiert. »Warum ich? Auf die Frage gab es keine logische Erklärung.« Er zögerte. Zwar sammelte Elfman mit seiner New Wave-Band Oingo Boingo einige Erfahrungen, doch hatte er vom Komponieren keine Ahnung. Dennoch gab er sich einen Ruck und nahm den Auftrag an, getreu seines Lebensmottos: »Just fuck it!« Der Grundstein war gelegt, nicht nur für eine der fruchtvollsten Kollaborationen zwischen Bild und Ton der Filmgeschichte, sondern auch für eine Filmkomponisten-Karriere, die an Vielseitigkeit ihresgleichen sucht. Nach »Pee-Wee« folgte 1988 »Beetlejuice«, doch kam der große Durchbruch für Regisseur und Komponist erst ein Jahr später mit dem Multimillionen-Dollar Projekt »Batman«. Burton bewies, dass er selbst bei einer gigantischen Studioauftragsarbeit seine persönliche Handschrift bewahren konnte. Elfman setzte sich gegen den größer geplanten Soundtrack von Prince durch und stieg endgültig zum Maestro des sinisteren Orchesterklangs auf.

Wie auch Burton liebt es Elfman, Konventionen gegen den Strich zu bürsten und dadurch eine neue Tradition der subversiven Gegenmusik zu bilden. Stets stellt er sich vor neuen Herausforderungen, bleibt unberechenbar und lässt sich nicht auf einen Stil festlegen. Gezielt sucht er nach Filmprojekten, zu denen es keine eigene Musiktradition gibt und er sich kreativ austoben kann. Wie hört sich die tragische Geschichte eines Außenseiters an, der seine Zärtlichkeit über Berührung ausdrücken will, aber aufgrund seiner Scherenhände nicht kann (»Edward mit den Scherenhänden«)? Wie klingen Stop Motion-Schauermärchen über kollidierende Feiertage (»Nightmare Before Christmas«), die Vermählung von Leben und Tod (»Corpse Bride«) und haustierwiederbelebende Teenager (»Frankenweenie«)? Oder gar ein verkitschter Erotikfilm mit BDSM-Einlagen (»Fifty Shades of Grey«)? Antwort: Unangepasst, verschroben, schräg. Oder kurz – Elfman.

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Das »Hollywood in Vienna «–Konzert wird am 6. Oktober 2017 um 19.30 Uhr auf Ö1 im Radio ausgestrahlt und ist für sieben Tage im Stream verfügbar. Die TV-Erstausstrahlung folgt am 29. Oktober um 21.15 Uhr auf ORF III, allerdings ohne Stream.

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