Kritik zu Die Schöne und das Biest

© Walt Disney

2017
Original-Titel: 
Beauty and the Beast
Filmstart in Deutschland: 
16.03.2017
Musik: 
L: 
129 Min
FSK: 
6

Bill Condon will mit seinem Realfilm-Remake des berühmten Disney-Musicals die engen Konventionen sowohl des Märchens als auch der Animationsfilmvorlage sprengen oder vielleicht auch nur erweitern

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Die digitale Technik macht es möglich. Nun können aus den Klassikern des Animationskinos, die das Disney-Studio einst geschaffen hat, Realfilme werden. Die Frage, ob das wirklich notwendig ist, sollte man sich dabei möglichst gar nicht stellen. Trotzdem konfrontiert einen Bill Condons Realfilmversion von Gary Trousdales und Kirk Wises »Die Schöne und das Biest« mit einem Dilemma.

Der Reiz und der Zauber der alten Animationsfilme, zu denen das 1991 entstandene Musicalmärchen noch gehört, lag auch darin, dass in ihnen Tiere oder eben ein Kerzenleuchter und eine Standuhr eine Stimme bekamen. Die gezeichneten Bilder konnten ohne weiteres die Grenzen der Realität überwinden und haben zugleich immer auch ihre eigene Künstlichkeit gefeiert. Sie luden insofern zu einem kindlichen Träumen ein, während die modernen digitalen Effekte eher auf Überwältigung setzen. Davon zeugt in »Die Schöne und das Biest« schon »Belle«, die erste große Musicalsequenz.

Bill Condon bleibt bei Belles morgendlichem Spaziergang durch ihr Dorf erstaunlich nah an der Vorlage. Es scheint fast, als hätte er zumindest einige Einstellungen eins zu eins kopiert. Und doch geht von der Sequenz eine ganz andere Wirkung aus. Die hin und her fliegende Kamera, die den Rhythmus der Musik aufgreift, die ständig im Vordergrund der Einstellungen auftauchenden Gegenstände und Passanten überfordern den Blick. Es könnte einem beinahe schwindelig werden. Was als Hommage an das Original beginnt, wird zum hyperrealistischen Taumel durch eine Welt, die einen eher erschlägt als verzaubert. Und so geht es auch weiter. In einem Moment verbeugt sich Condon vor dem Animationsfilm, im nächsten versucht er, ihn mit allen Mitteln der heutigen Technik zu übertreffen.

Aber »Die Schöne und das Biest« wird nicht nur auf der Ebene der Bildästhetik von einer seltsamen Zerrissenheit geprägt. Auch in seiner Haltung zu dem alten französischen Märchen und seiner ersten Disney-Verfilmung findet Condon keine Linie. Auf der einen Seite will er die Konventionen sprengen und von einer neuen Diversität erzählen. Dazu gehört auch, dass Josh Gad seinen LeFou, den steten Begleiter des großen Jägers und Schurken Gaston (Luke Evans), eindeutig als homosexuell zeichnet – am Ende findet LeFou sogar einen Partner. Allerdings greifen Condon und Gad auf die billigsten Klischees zurück. LeFou wirkt über weite Strecken einfach nur lächerlich. Erst viel zu spät versteht man, dass sein affektiertes Verhalten kein schaler Witz sein soll. Condon sieht in ihm tatsächlich einen Gegenentwurf zu Evans’ toxischer Männlichkeit.

Selbst Emma Watsons wunderbar pragmatische Belle wird ein Opfer der Halbheiten des Films. Auf der einen Seite beweist sie als Erfinderin eine bemerkenswerte Selbstständigkeit. Auf der anderen degradiert sie der Film im entscheidenden Moment zur reinen Zuschauerin. Am Ende sind es dann doch die Männer, das Biest und Gaston, die den Kampf unter sich ausmachen. Diese Widersprüche nagen an Condons revisionistischer Sicht auf ein klassisches Märchen und nehmen seinem Film viel von seiner Glaubhaftigkeit. Zugleich zeugen sie auch von den Rissen, die gegenwärtig durch die westlichen Gesellschaften gehen.

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