Kritik zu Robocop

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Der Brasilianer José Padilha (Tropa­ de Elite) hat Paul Verhoevens zynischen ­Science-Fiction-Film von 1987 neu verfilmt – als Dystopie, die gefährlich nah an heutige Diskussionen um Drohnen und Roboter im Militär- und Polizeieinsatz gerückt ist

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Shieres Entsetzen erfüllt den Detroiter Cop Alex Murphy (Joel Kinnaman), als er zum ersten Mal sehen muss, in was ein Wissenschaftler und sein Team ihn verwandelt haben. Eine Autobombe hat ihm fast das Leben und nahezu seinen ganzen Körper genommen. Sein Gesicht und seine rechte Hand sind ihm geblieben, zudem noch Teile seines Gehirns, seine Lungen und sein Herz. Der Rest ist modernste Robotertechnologie. Doch das interessiert Alex nicht. Er will nur eins: Wieder abgeschaltet werden. Als er sich dann doch voller Widerwillen in sein Schicksal fügt, laufen ihm Tränen übers Gesicht.

Ein Alex Murphy, der Tränen über seine Verwandlung in den Prototyp eines neuen Polizisten, den »RoboCop«, vergießt, wäre in Paul Verhoevens blutig böser Sci-Fi-Satire von 1987 undenkbar gewesen. Diese zutiefst ­zynische Abrechnung mit dem Ungeist der Reagan-Ära setzte alles daran, den Wahnsinn der 80er Jahre mit einem bitteren Lachen auszutreiben. Mehr als 25 Jahre später herrscht dieser Wahnsinn nur noch ungenierter. Er hat verstanden, sich selbst perfekt zu verkaufen, und ist längst zur Normalität geworden.

So sitzen in José Padilhas RoboCop-­Remake auch keine alten Männer in grauen Anzügen mehr an den Schaltstellen der Wirtschaftsmacht, sondern so einer wie Raymond Sellars (Michael Keaton), ein alerter Mittfünfziger in Turnschuhen und Pullover. Ein Schuft, wer nun an Bill Gates oder Steve Jobs denkt. In seinem Büro hängen Triptychen moderner Kunst. Seine engsten Vertrauten sind hippe Marketingstrategen wie Tom Pope (Jay Baruchel) und unangepasste Wissenschaftler wie Dr. Dennett Norton (Gary Oldman). Die Popkultur hat dem Kapitalismus endgültig zum Sieg verholfen.

Letztlich unterscheidet sich Padilhas 2028 spielende Dystopie kaum von unserer heutigen Wirklichkeit. Nur dass die Vereinigten Staaten in dieser Zukunft auch den Iran »befrieden« und für diese Mission fast ausschließlich Roboter und Drohnen benutzen. Offiziell heißt es, das sei zum Schutz der Menschen. Und immer gibt es einen wie den extrem konservativen Fernsehmoderator Pat Novak ­(Samuel Jackson), der diese schöne neue Welt leidenschaftlich preist und alle Skeptiker und Kritiker rücksichtslos diffamiert.

In der Welt, die der brasilianische Filmemacher José Padilha zusammen mit seinem Kameramann Lula Carvalho in klaren, sehr alltäglich wirkenden Bildern heraufbeschwört, tobt der wahre Krieg zwischen denen, die ­Roboter und Drohnen auch auf heimischem Boden einsetzen wollen, und denen, die den Menschen noch nicht aus der Gleichung nehmen wollen. In diesem Szenario, das durchaus nicht mit Actionszenen geizt, sind die Tränen des RoboCop letztlich mächtiger als seine Waffen. Padilha verschiebt den Fokus auf die menschliche Seite, auf Murphys Trauer, auf die Hoffnungen und Enttäuschungen seiner Frau Clara (Abbie Cornish) und auf Dr. Nortons Zerrissenheit, seinen verzweifelten Kampf um seine Seele in einer Situation, in der es nur um Erfolg und Effizienz geht. Vielleicht hat der Mensch, den Verhoeven einst schon abgeschrieben hat, doch noch eine Chance.

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