Kritik zu Digger
Alejandro González Iñárritus erster Kinofilm seit 2022 startete mit großem Geräusch – und spaltete die Kritik wie kein anderes Tentpole-Movie des Jahres. Inzwischen lässt sich die Sache etwas gelassener betrachten
Wenn auf einem Film »Tom Cruise« steht, ist in der Regel sehr viel Tom Cruise drin. »Top Gun«, »Mission: Impossible« ... Das sind schon ziemlich egomanische Veranstaltungen. »Digger« schlägt sie alle. Man sieht in dieser Geschichte um den multimilliardenschweren Boss eines Ölkonzerns, dessen verantwortungslose Arktisbohrungen eine globale Flutkatastrophe auslösen, nicht nur einen Star, der seinen Körper – hier im Fatsuit – quält und exponiert. Vor allem ist Cruise damit beschäftigt, Textmassen über die Rampe zu wälzen. Er murmelt und mosert, deklamiert und rhapsodiert, faucht und tobt. Dazu kommen ausgesuchte Nebendarsteller – John Goodman, Jesse Plemons, Riz Ahmed, Sandra Hüller –, eine Regie, die in einer großartig dekorierten Kulisse permanent wuchtige Bilder zu erzeugen sucht, und ein Skript, das sich betont trickreich gibt. Was für ein Theater!
Das hat durchaus Schau- und Unterhaltungswert, vom schlimmsten Film des Jahres kann nicht die Rede sein. Der Titelheld, Digger Rockwell, der seinen Hightechkonzern im »Dallas«-Look mit Hut und Cowboystiefeln führt, hat sich auf seinem Anwesen eine Kunstwelt erschaffen, vollgestopft mit Stilmöbeln, Artefakten, Gemälden – Charles Foster Kanes Xanadu ist nicht ganz weit weg. Unter die bukolischen Parkansichten, die sich bald als Dioramen entpuppen, zwischen Pomp und Plüsch mischt sich allerdings Ekliges, eine Szene etwa, in der ein überlanger Fingernagel, eine Dose Thunfisch und Diggers nahezu mumifizierte Lieblingskatze eine Rolle spielen.
»Citizen Kane« ist nicht der einzige Klassiker, der sich hier als Referenz anbietet. Kritiker fühlten sich mit Grund an »Dr. Strangelove« und »There Will Be Blood« erinnert: Filme, die der westlich-kapitalistischen Systemlogik zwischen ursprünglicher Akkumulation, Fetischisierung des Privateigentums und Weltvernichtung auf den Grund gehen (man wird sich noch im Angesicht des Nuklearkriegs »vor der Coca-Cola-Company verantworten müssen«). Tatsächlich startet »Digger« als eine satirische Attacke auf die derzeit weltweit eher unbeliebten Vereinigten Staaten und speziell ihre Energiewirtschaft. Digger, der US-Präsident – Goodman, ebenfalls im XL-Modus – und seine Regierungschargen geben ein erbärmliches Bild ab, wie sie so vor ihren Monitoren intrigieren und dem Untergang Europas – in fingierten Nachrichtenbildern – dann doch recht entsetzt im Privatkino beiwohnen. Auf dem Höhepunkt des Films hält Digger vor den dramatisch erblassten EU-Vertretern in einem nicht zufällig theatralisch stilisierten Brüsseler Auditorium eine flammende Rede. Die leider vom nicht ganz neuen Selbstbekenntnis – ja, die Fossilindustrie wusste seit den 70ern, dass ihr CO₂-Ausstoß für die Erderhitzung verantwortlich ist – in genau die ideologische Formel mündet, mit der diese Branche die Öffentlichkeit systematisch getäuscht hat: Der private Konsum ist schuld, ihr habt die SUVs schließlich gewollt. Am Ende blickt sich der zeitgenössische Durchschnittskonsument, der mit Popcorn und Cola im Kino sitzt, selbst ins Gesicht.
Das ist eine eher schwache, konventionelle Pointe für eine Produktion, die permanent mit 125 BPS läuft. Ein Systemsprenger ist »Digger«, der Film, nicht. Und das liegt nicht zuletzt an der theatralischen Konstruktion des Films. Alejandro Iñárritu, der auch am Drehbuch beteiligt ist, und Tom Cruise setzen den Protagonisten so überlebensgroß ins Bild, dass alles andere, vom abgesprengten Kontinentalschelf bis zur amerikanischen Systemkrise, in den Hintergrund tritt. Zu viel Charakterdrama, wo Disastermovie hätte sein können.





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