Kritik zu David Lynch – The Art Life

Trailer OmU © NFP

2016
Original-Titel: 
David Lynch – The Art Life
Filmstart in Deutschland: 
31.08.2017
K: 
Musik: 
V: 
L: 
90 Min
FSK: 
keine Beschränkung
Mit: 

Wie wurde David Lynch zu David Lynch? Woher stammen seine verstörenden Ideen und Bilder? Der Film von Jon Nguyen zeichnet ein Porträt des Künstlers als Junge und junger Mann, in seinen eigenen Worten

Bewertung: 5
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Während auf Sky die dritte Staffel von »Twin Peaks« läuft, also wieder einmal ein Werk David Lynchs die einen begeistert und die anderen ratlos zurücklässt, gewährt der Meister nun im Kino Einblicke in sein anderes Arbeitsfeld, die Bildende Kunst, sowie in seine Kindheit und Jugend. Erstaunlich nah kommt man dem Rätsel Lynch in diesem Porträt, das dank der Offenheit seines Protagonisten und kluger Kamera- und Montagearbeit Korrespondenzen zwischen der Biografie, den bildnerischen und auch den filmischen Werken herstellt, ohne eine einzige Szene aus letzteren wiederzugeben. Auch ohne Expertenkommentare kommt dieser Film aus. Lynch und seine Malerei sprechen für sich.

Regisseur Jon Nguyen hat als Produzent bereits am Porträt »Lynch One« mitgewirkt, das die Entstehung von »Inland Empire« begleitete. »The Art Life« arbeitet parallel auf zwei Ebenen: Zum einen beobachtet er den Künstler in seinem Atelier in Hollywood, in seine Arbeit an meist großflächigen Bildern vertieft. Bisweilen sieht man ihn auch mit seiner jüngsten Tochter Lula beim Spielen – oder er sitzt nur da und raucht und denkt.
Kunstvoll verzahnt durch Inserts seiner surrealen Gemälde, wechselt der Film von dieser Gegenwart immer wieder zur zweiten Ebene des Films: Der meisterhafte Erzähler Lynch – konzentriert und humorvoll, zärtlich und philosophisch, jederzeit mit Sinn für Suspense – erweckt seine Kindheit und Jugend zum Leben, visuell durch Fotos und private Filmaufnahmen ergänzt. Seine Geschichten beginnen mit der behüteten Kindheit in der amerikanischen Provinz, seiner Faszination für fremde Welten – beispielsweise die der Insekten – und reichen über seine wechselhaften Jugendjahre bis zum Kunststudium und zu den ersten Kurzfilmen. Dabei entwickelt sich besonders zu Anfang Spannung aus einem scheinbaren Paradox: Bei so viel heiler Welt, Geborgenheit und Verständnis der Eltern – woher stammen da die Abgründe, die Gewalt, die Verzweiflung und die Angst im Werk des Künstlers?

Zu küchenpsychologischen Erörterungen lädt der Film zum Glück nicht ein. Aber einzelne abgründige Episoden bergen jene frühen Jahre durchaus. Und es sind eindrucksvolle Bilder, die ganz unmittelbar auf Lynchs filmisches Universum verweisen: etwa jene saubere, perfekte Kleinstadtstraße, auf der dem kleinen David eines Tages eine vollkommen nackte, verstörte Frau entgegenwankt, vielleicht Opfer eines Verbrechens. Angst und Aggression lassen auch die Erzählungen aus den Zeiten erahnen, als Lynch in »schlechte Gesellschaft« geriet oder als er zum Studieren nach Philadelphia ging – in jene Stadt, deren desolat-düstere Atmosphäre den »Eraserhead« gebar.

Weit mehr noch als die Ursprünge einzelner Motive stehen allerdings die Geheimnisse der Kreativität im Zentrum des Films, die außergewöhnliche Freiheit, mit der Lynch aus dem Unbewussten schöpft und mit dessen Rätseln umgeht. An dieser Freiheit lässt »The Art Life« für knapp 90 Minuten teilhaben, ist ebenso offen und neugierig wie sein Protagonist und steckt an mit seiner Begeisterung für die Ausgeburten der Fantasie. Mehr kann man von einem Künstlerfilm nicht erwarten.

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