Kritik zu Wohin mit mir?
Ebenso einfühlsamer wie subjektiver Dokumentarfilm über zwei unbegleitete minderjährige Geflüchtete aus Afghanistan und Syrien, die versuchen, in Deutschland anzukommen und Fuß zu fassen.
In einer beiläufigen Aussage in Marvin Mennés Dokumentarfilm »Wohin mit mir?« manifestiert sich eine existenzielle Not von schutzbedürftigen Geflüchteten: Shahfaisal erklärt dem Besitzer des türkischen Supermarkts, bei dem er sich vorstellt, dass er gern samstags und immer nach der Schule arbeiten möchte, des Geldes wegen, aber vor allem auch, damit er nicht in seinem Zimmer um die eigenen Gedanken kreist. Nicht allein sein wollen mit sich selbst, den Traumata aus der alten Heimat und der Angst, dorthin abgeschoben zu werden.
Shahfaisal ist aus Afghanistan nach Deutschland geflohen, Majd, der zweite Protagonist, aus Syrien. Beide leben in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Geflüchtete und versuchen, allen (bürokratischen) Widerständen zum Trotz, anzukommen in Deutschland und, vor allem: ein unbefristetes Bleiberecht zu erhalten. Menné hat die beiden von Januar bis Juli 2024 begleitet und ihre Erfahrungen in einen einfühlsamen Film gegossen. Mit »Wohin mit mir?« schloss er sein Studium an der Hochschule Mainz ab, seit 2025 studiert der Regisseur an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Anders als etwa Max Ahrens und Maik Lüdemann, die in ihrem Dokumentarfilm »Kein Land für Niemand – Abschottung eines Einwanderungslandes« gekonnt die Großthesen wagen und in einem vielstimmigen Panoptikum nachzeichnen, wie sich Europa und Deutschland seit 2015 abschotten, gestaltet Menné »Wohin mit mir?« zutiefst subjektiv.
Der Film setzt in einer Bowlinghalle ein, in der Shahfaisal und Majd mit den Betreuern der Wohngruppe spielen, und folgt ihnen durch ihren Alltag, zum Fußballtraining und bei Gesprächen in Sachen Asylantrag. »Integration ist das Allerallerwichtigste. Nur über Integration könnt ihr dauerhaft in Deutschland bleiben«, erklärt die Sozialarbeiterin. Integration: das Mantra des Films. Die beiden absolvieren Deutschkurse, versuchen, in der Schule zurechtzukommen, oder erleben, irritiert vom Bonbons-Werfen, auf einem Karnevalsumzug deutsche Folklore.
Die politischen Verschärfungen im Umgang mit Geflüchteten begleiten den Film als Hintergrundrauschen. Besagte Sozialarbeiterin erklärt, dass der Familiennachzug auf eine Person beschränkt wurde, und motiviert die beiden immerzu, zu lernen und, um sich abzusichern, eine Berufsausbildung anzustreben. Majd, der keine Belege dafür bei sich hat, dass sein Vater in der syrischen Armee war und er deshalb besonders gefährdet ist, scheint akuter bedroht und wirkt im Film zusehends angeschlagen. Neben den behördlichen Fallstricken haben die beiden auch mit dem familiären Druck zu kämpfen.
»Wohin mit mir?« erzählt nüchtern dokumentarisch vom Coming of Age unter Ausnahmebedingungen. Was bedeutet Heimat, wenn die eigene aufgrund von Krieg und Terror abhandenkommt? Eine Frage, die aktueller denn je bleibt. Die Antwort darauf darf nicht der in Deutschland erstarkenden politischen Rechten und der AfD überlassen werden, die alle Schutzsuchenden am liebsten an den Außengrenzen abweisen oder »remigrieren« will.





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