Kritik zu Was hat uns bloß so ruiniert

© Movienet

2016
Original-Titel: 
Was hat uns bloß so ruiniert
Filmstart in Deutschland: 
09.02.2017
L: 
96 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Ein österreichischer Film über die sogenannte Bobo-Szene, die sich als Boheme versteht, sich aber bourgeois benimmt. In dieser wunderbaren Widersprüchlichkeit erzählt Marie Kreutzer von drei Paaren, die zur selben Zeit Eltern werden

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

»Was ist passiert?«, heißt es in dem Song »Was hat dich bloß so ruiniert?« der Hamburger Kultband »Die Sterne«, »hast du denn niemals richtig rebelliert?« Zwanzig Jahre ist dieses Lied alt. Wenn es nun als Titelmotiv eines Films wieder auftaucht, der das Lebensgefühl einer Generation wiedergeben soll, die an dem Anspruch, urbane Boheme zu sein, gescheitert ist – dann ist aus der Frage eine Selbstanklage geworden. Das Dokument dieser Feststellung des Scheiterns im Film ist wiederum ein Film: Nach und nach sitzen verschiedene Elternteile vor der Kamera einer jungen Dokumentarfilmerin und staunen mehr über sich selbst, als dass sie das künstlerische Projekt in Zweifel ziehen. Der Film aber ist ein einziger Zweifel.

»Was hat uns bloß so ruiniert« handelt von drei befreundeten Paaren, die schwanger werden. Das erste freudvoll zielgerichtet, das zweite uneinig und mehr oder weniger animiert durch das erste und das dritte unabsichtlich. Entsprechend gestalten sich die pädagogischen Ambitionen. Während die eine auf der Suche nach höchstmöglicher Natürlichkeit sogar auf Windeln verzichtet, lässt die andere ihr Kind immer wieder mit dem Vater allein. Dass sie sich nicht von ihm trennt, erklärt sie damit, dass sie sich nicht immer einen Kerl suchen möchte, wenn sie mal geil ist. Die Kinder wachsen dennoch in freundschaftlicher Nähe auf. Diskussionen in der Krabbelgruppe, abnehmende Libido, Seitensprünge und schließlich der Ausbruch frühkindlicher Gewalt setzen das Dreieck der alten Freunde unter Druck. Dass ein instinktgesteuertes Kleinkind seine Freundin aus Eifersucht beißt, bis sie blutet, passt nicht in das Wertesystem dieser Szene, die sich doch eher als bourgeois denn als Boheme entpuppt. Der Vorsatz, Kinder zu bekommen und dabei nicht spießig zu werden, bleibt schon nach wenigen Wochen auf der Strecke. Dabei spielt es kaum eine Rolle, welche Erziehungsideale das jeweilige Paar vertritt. Am Ende stehen alle vor demselben Scherbenhaufen.

Die österreichische Kritik schrieb von einem »im Bobo-Milieu verhafteten Film gegen das österreichische Feel-bad-Kino.« Wobei Bobo für den Widerspruch zwischen Bourgeoisie und Boheme steht und Regisseurin Marie Kreutzer sich wohl gegen Filme von zum Beispiel Ulrich Seidel wendet. In ihrem dritten Spielfilm geht es ihr deutlicher als in »Gruber geht« und »Die Vaterlosen« um Familienzusammenhänge. Dabei hat sie spürbar eine These, bringt diese aber indirekt und humorvoll vor. Die innere Komik wird, bevor sie zu fröhlich werden kann, mit einem Schuss Bitterkeit versehen. Und jeder, der schon mal in einer Elterngruppe war – in der Krabbelstube, im Kindergarten oder in der Grundschule –, kennt die Figuren des Films, auch wenn er sich selbst ganz anders sieht. Elternschaft ist keine Krankheit, aber sie verändert Körper, Geist und Psyche. Das zumindest zeigt der Film deutlich. Allerdings nicht durchgängig und dann hin und wieder auch zu oberflächlich. Manchmal ist er böse ironisch, manchmal leicht und witzig und manchmal auch ein wenig verplappert.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns