Kritik zu Radio Heimat

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In dieser Coming-of-Age-Komödie nach Motiven aus den Kurzgeschichten und Romanen des Bochumer Kult-Autors Frank Goosen wird einmal mehr der rustikale Charme des Ruhrgebiets beschworen

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Dem Partykeller entkam niemand, der in den frühen 80ern pubertierte. In Matthias Kutschmanns Verfilmung von Frank Goosens Kurzgeschichten über seine Bochumer Jugend werden gleich drei Partykellerversionen vorgeführt. Die vier Teenagerprotagonisten bevorzugen den rohen Backsteinlook, unabhängig davon, ob die Antihelden nun ästhetisch mehr in Richtung Popper mit Bundfaltenhosen oder in Richtung Punk mit Lederjacke tendieren. In Kontrast zu den Lockerungsübungen im Keller stehen die Tanzstunden mit säuberlich getrennten Geschlechtern, bei denen die Jungs im Pulk nach vorne preschen, um die Mädchen aufzufordern, und dann mit schwitzigen Händen Cha-Cha-Cha und andere 50er-Jahre-Tänze jenseits irgendeiner späteren Relevanz proben. Doch als sich die Eltern von Ich-Erzähler Frank kennenlernten, war der Gesellschaftstanz noch eine große Sache.

Durchzogen von patinafarbenen Streiflichtern auf das kleinbürgerlich-proletarische Vorgestern erzählt dieser Film von einem Gestern, das nun auch schon eine Generation zurückliegt. Wie in einem Kaleidoskop entfaltet sich in bunten Schnipseln eine Vergangenheit, die geprägt ist durch das Nebeneinander der Moden verschiedener Jahrzehnte. Mit Kneipen und Freibad, Schrebergärten und Kaffeekränzchen, Currywurst und Klassenfahrten werden in diesen Coming-of-Age-Episoden weitere Orientierungspunkte abgearbeitet. Ruhrgebietsoriginale wie Elke Heidenreich und Uwe Lyko, der in der Ruhrgebietserfolgskomödie »Was nicht passt, wird passend gemacht« lokalen Ruhm gewann und diesmal als »Laberfürst« auftritt, sollen die geographische Verortung beglaubigen.

Dennoch ist der Film, der »Heimat« schon im Titel trägt, fast ein Etikettenschwindel. Wo auf der einen Seite mit Archivaufnahmen von Zechen und alter Bergarbeiterherrlichkeit das Ruhrgebietsklischee herzhaft umarmt wird und die erwachsenen Darsteller lauthals chargieren dürfen, sind andererseits die vier Antihelden sprachlich so steril, dass sie genauso gut woanders und sogar im Heute aufwachsen könnten. Die Darsteller sollten nicht so sehr »pötteln«, heißt es im Presseheft – doch wenn der authentische Zungenschlag fehlt, haben Witz, Gefühl und Stimmung kaum eine Chance. Deshalb wirken auch die Jungs, säuberlich typisiert in einen Nachdenklichen, einen Halbstarken, einen Langweiler und einen insgeheim Schwulen, wie Hilfskonstrukte, die gerade weit genug ausdifferenziert sind, um auf dem Minenfeld der Pubertät erkennbar zu bleiben. Ebenso formelhaft ist die Rahmenhandlung, in der Frank für eine hübsche Mitschülerin schwärmt, die jedoch den falschen Musikgeschmack – Angelo Branduardi – hat. Es ist nicht so, dass diese Zeitreise mit ihren genau beobachteten Idiosynkrasien und Geschmacklosigkeiten langweilen würde. So gibt es wunderbar aufgespießte und ausstaffierte Wiedererkennungsmomente mit Gänsehautgarantie. Doch inhaltlich kommt dieser Coming-of-Age-Film kaum je über den Eindruck eines bewegten Fotoalbums der frühen Achtziger hinaus.

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