Kritik zu Plastic Planet

© Farbfilm Verleih

2009
Original-Titel: 
Plastic Planet
Filmstart in Deutschland: 
25.02.2010
Musik: 
L: 
99 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die Weitgereisten kennen das: Man glaubt sich an einem abgelegenen, unberührten Ort des Planeten – bis man die Plastikfetzen im Gestrüpp entdeckt. Der österreichische Regisseur Werner Boote geht der Plastikverseuchung auf der Erde nach

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Michael Moores antikapitalistische Feldzüge haben im aktuellen Agitationsfilm Standards gesetzt: Ein Auftritt mit Megafon und die forcierte Annäherung an einen unwilligen Vertreter der feindlichen Seite müssen mindestens sein, auch braucht es diverse aufmunternde Gimmicks, um die Sache nicht spröde aussehen zu lassen. Auch Regisseur Werner Boote setzt bei seinem weltumspannenden Feldzug gegen die Plastikverseuchung auf die dramaturgischen Verstärker beim großen Showdown und setzt neben den üblichen Gesprächen mit Experten und dem persönlichen Kommentar der Wahrheitsfindung nicht wirklich dienende, doch schön bewegte Animationsstückchen ein.

Es sei ihm gegönnt, denn die Zahlen und Fakten, die der Film präsentiert, sind so alarmierend, dass man ihnen ein breites Publikum wünscht. In einer Wassersonde, die der Meeresforscher Charles Moore aus dem Pazifik fischt, finden sich 60 Teile Plastik auf ein Teil Plankton. Seevögel ersticken an Plastikmüll, den sie für Futter halten. Und selbst an abgelegenen Stellen des Planeten flattern Batterien von Plastikfetzen im Gestrüpp. Doch diese sichtbare Umweltverschmutzung durch Kunststoffe ist noch die harmlosere Variante. Denn die bunten Plastikschüsseln und Container zersetzen sich im Lauf der Zeit in winzigen Abrieb, der in den Nahrungskreislauf gerät. Und die den Kunststoffen beigemischten Weichmacher und giftigen Hilfsstoffe lösen sich aus Colaflaschen, Schnullern und Abflussrohren in die Natur aus und richten im tierischen und menschlichen Hormonhaushalt Verheerungen an: Fischarten entwickeln neue Zwittervarianten, auch beim Menschen geht es an Intelligenz und Fortpflanzungskraft: Phthalate und Bisphenol A sind durch die Verpackung in vielen Lebensmitteln enthalten, deklariert werden müssen sie bisher aber nicht. So wurden bei einem Bluttestselbstversuch des Filmteams bei allen erhöhte Werte dieser Stoffe gefunden.

Werner Boote hat sich mit seinem ersten Kinofilm ein auch familiär begründetes Herzensanliegen erfüllt. Sein Großvater war ein Pionier der deutschen Plastikindustrie, der mit den neuen Polymerprodukten die Welt zu verbessern hoffte. Ganz falsch lag er damit nicht: Was wären wir schon ohne DVDs, Fleecejacken und PET-Wasserflasche? Um zu visualisieren, wie sehr Produkte aus Plastik unser Leben prägen, lässt Boote Familien aus aller Welt die Plastikgegenstände aus ihrem Haushalt auf die Straße tragen: Schüsseln und CDs, Kleidung, Haushaltsgeräte und Kleinmöbel stapeln sich zu riesigen Haufen. Schade nur, dass wir nie das Gegenbild zu sehen bekommen: Man wäre neugierig, wie es denn in den vom Plastik befreiten Wohnungen und Häusern aussieht.

Offensichtlich, dass wir nicht mehr ohne Kunststoffe leben können, auch wenn für Verpackungen etwa Ersatz aus Mais oder Kartoffeln produziert wird, bisher allerdings zu winzigen Anteilen. So bleibt am Ende die große Frage, was sich außer gezielter Konsumverweigerung gegen die Plastikflut tun lässt. Regisseur Werner Boote klebte im Film selbst in einer einzelkämpferischen Aufklärungsguerilla-Aktion kleine Warnetiketten auf Supermarktverpackungen. Und die Arabischen Emirate haben seinen Film zum Anlass für das Verbot von Plastiktüten genommen. Ist doch ein Anfang.

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