Kritik zu Lügen über meine Mutter

© Tobis Film

2026
Original-Titel: 
Lügen über meine Mutter
Filmstart in Deutschland: 
08.10.2026
L: 
106 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Daniela Dröscher erzählt aus der Sicht der siebenjährigen Ella, wie ihr Vater seinen Frust in negativen Kommentaren über den Körper ihrer Mutter auslässt und was er dabei anrichtet.

Bewertung: 3
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Drei Dinge, sagt meine Mutter, hat sie bei ihrer Heirat unterschätzt: die Schwerkraft des Dorfes, die Bedürfnisse ihres Mannes, den Neid ihrer Schwiegermutter.« Während für die siebenjährige Ella (Elise Lindner) die Probleme ihrer Mutter Cornelia (Rosalie Thomass) eindeutig extrinsisch zu finden sind, hat Cornelias Ehemann Werner (Golo Euler) etwas anderes an seiner Gattin auszusetzen – er wirft der schönen, selbstbewussten Frau vor, zu schwer zu sein; für ihn, für die angestrebte höhere Gesellschaft der rheinland-pfälzischen Provinz, eigentlich für die ganze Welt. Und spinnt damit die mieseste aller misogynen »Lügen über meine Mutter«: Der Möchtegern-Aufsteiger Werner macht ausschließlich Cornelias Körper verantwortlich für sein eigenes Scheitern.

In der Vorlage, dem von Ausflügen in die Wissenschaft und Frauenbewegungshistorie unterbrochenen erfolgreichen Roman von Daniela Dröscher, blickt die Autorin als Erwachsene zurück auf ihre Kindheit in den 80ern. Sie erzählt von den Emanzipationsversuchen ihrer Mutter und der übergriffigen und toxischen Fixierung ihres Vaters auf deren Körper. Regisseur Aron Lehmanns filmische Adaption schildert die Ereignisse aus der direkten Sicht von Ella. Dieser Wechsel in der Erzählhaltung und die damit einhergehende Lebenserfahrung einer Erwachsenen machen aus der Siebenjährigen somit ein zuweilen verwirrend verständiges kleines Mädchen, das altkluge Formulierungen wie »Na hör mal!« oder »Marokko? Mit einem fremden Mann?« raushaut, während es den Kampf seiner Mutter beobachtet; und das bei der Ansprache die vierte Wand einreißt. Gegen die vielschichtige Hauptfigur, deren Schwankungen beim Gewicht sich nachvollziehbar in Stimmungs- und Energieschwankungen spiegeln, ist Werner daneben ein provinzieller Herrenwitz von einem Mann: ein egoistischer Wüterich, der seinen persönlichen Brass nach gescheiterten Aufstiegsverhandlungen ohne Umstände in Bier und bittere Familienschikane ableitet. Auch Bilder und Musik unterstreichen zuweilen eine von Klischees gespeiste Altbackenheit – dafür, dass es hier um Aus- und Aufbruch, um Selbstermächtigung und Emanzipation geht, wirkt der Film formal recht brav.

Dennoch ist man emotional nah bei Ella und der von Thomass empathisch verkörperten Cornelia. Vor allem wenn Lehmann es wagt, seine Geschichte, deren Drehbuch Hauptdarstellerin Thomass selbst verfasst hat, ins Märchenhafte gleiten zu lassen: »Lügen über meine Mutter« ist dann am besten, wenn am wenigsten versucht wird, erzählerisch oder wissenschaftlich korrekt zu sein. Wie massiv das »Body Shaming« und die sozialen und patriarchalen Diskriminierungen wirklich sind, denen Cornelia ausgesetzt ist, versteht man eh ohne große Erklärungen. Und wenn es tatsächlich noch jemanden gibt, der den im aktuellen Feminismus vielgenutzte Begriff »Body Positivity « neumodisch oder unnötig findet, sollte er den Film dringend anschauen. Er ist ein aufrührendes Beispiel dafür, auf wie vielen Ebenen »Body Negativity« einen Menschen, eine Familie und letztlich auch eine Gesellschaft zerstören kann.

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