Kritik zu Die Vierhändige

© Camino Filmverleih

2017
Original-Titel: 
Die Vierhändige
Filmstart in Deutschland: 
30.11.2017
Musik: 
L: 
94 Min
FSK: 
16

In Oliver Kienles neuem Film müssen zwei Schwestern mit dem Trauma der Ermordung ihrer Eltern und ihrem eigenen Verlangen nach Rache und Sicherheit klarkommen. Ein deutscher Genrefilm, der sich sehen lassen kann

Bewertung: 4
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Unbeholfen spielen vier Kinderhände auf einem Klavier. Das Licht ist diffus und lässt den heimischen Ort etwas unheimlich erscheinen. Die Musik klingt dissonant, noch sind die Finger unsicher. Der Klang aber bereitet etwas vor, das schockieren soll. Denn plötzlich geht alles ganz schnell. Zwei Personen überwältigen die Mutter im Nebenraum, einer sticht brutal auf sie ein. Dass der Vater bereits tot ist, wissen die Kinder und mit ihnen der Zuschauer noch nicht. Verängstigt hocken die beiden Schwestern am Boden, die ältere, Jessica (Friederike Becht), hält der jungen, Sophie (Frida-Lovisa Hamann), Augen und Ohren zu. »Ich werde dich immer beschützen«, sagt sie.

Dieses Versprechen wird sie halten, als zwanzig Jahre später die Mörder ihrer Eltern aus dem Gefängnis entlassen werden. Die Frau bereut ihre Tat, der Mann hingegen bleibt eine Bedrohung. Noch kennen wir weder Motivation der Täter noch den Hintergrund der Tat. Lediglich das Trauma ist nachvollziehbar. Wie besessen schwört Jessica nun Rache, nur wenn die beiden Täter tot sind, kann sie sich wirklich sicher fühlen, kann sie Sophies Sicherheit garantieren. Sophie hingegen, inzwischen eine angesehene Pianistin, will von diesen Plänen nichts wissen. Im Streit geraten beide Schwestern vor ein Auto, Sophie wird schwer verletzt, Jessica stirbt bei dem Unfall. Doch irgendwie ist sie noch da, zumindest für Sophie. Vierhändig spielen sie nun weiter, doch nicht mehr auf dem Klavier. Damit nimmt der Film Fahrt auf – und am Ende ist alles anders, als man dachte.

Bereits mit seinem Erstling »Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung« hat Oliver Kienle einen deutschen Genrefilm gedreht, der aus dem Rahmen fiel. Auch hier ging es um zwei Personen, die sich unterschiedlich entwickeln und doch aneinander gebunden bleiben. In »Die Vierhändige« weitet er die Erzählung ins Übersinnliche aus. Er versteht es virtuos, dunkle Bilder atmosphärisch aufzuladen und eine ungewöhnliche Geschichte nach und nach zusammenzusetzen, so dass in der Spannung langsam ein klares Bild entsteht. Ein pointiertes Ende oder gar ein Happy End gibt es jedoch nicht. Mit Elementen aus Horrorfilm, Thriller und Kunstkino spielt Kienle so, dass sein Geheimnis bildlich in jede Szene eingeht. Dunkle Wälder folgen auf eine Discoszene, leere Krankenhausflure auf ein Bild des verwüsteten Wohnzimmers. Die Logik dieser vermeintlichen Brüche erschließt sich später. Während das Blockbusterkino immer mehr der Vorhersehbarkeit verfällt, ist es hier das Uneindeutige, das die Spannung erhält. Und bis zum Schluss bleiben Fragen offen.

Unverbrauchte Gesichter, ein eigenwilliges Filmset, eine Geschichte, die sich absetzt von den eingefahrenen Mustern des Genres, das ist man aus Deutschland nicht gewöhnt. Doch je mehr der deutsche Genrefilm an Selbstbewusstsein gewinnt, desto leichter werden sich die Projekte vielleicht durchsetzen. Bislang haben es solche Filme in der Kinolandschaft schwer, aber das wird sich mit Filmen wie diesem bald ändern.

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