Kritik zu Im Labyrinth des Schweigens

© Universal Pictures

Alexander Fehling als Staatsanwalt, der gegen NS-Täter ermittelt: Giulio Ricciarelli schildert in seinem Debüt in einer Mischung aus Fiktion und Authentizität die Vorgeschichte des Auschwitz-Prozesses

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Es ist ein Bild, das einem nicht aus dem Kopf geht. Der junge Staatsanwalt Johann Radmann schreitet schier endlose Regalgänge entlang, mit Akten, die bis zur Decke reichen. Die Unterlagen von 600 000 SS-Männern, ein fast nicht zu bewältigendes Erbe. Rund 8000 dieser Männer haben in Auschwitz Dienst getan, in dessen verschiedenen Lagern 1,1 Millionen Menschen, 90 Prozent davon Juden, ermordet wurden. Dass er doch die Vergangenheit ruhen lassen sollte, sagt ihm der amerikanische Verwaltungsoffizier, der dieses Archiv des Grauens in der Militärverwaltung betreut. Dass es heute doch Wichtigeres gebe, das man bekämpfen sollte, den Kommunismus etwa.

Auf diese Mauer des Schweigens und der Ignoranz ist der Frankfurter Staatsanwalt Radmann schon des Öfteren gestoßen, seit er 1958 zum ersten Mal mit den Vorgängen der Lager konfrontiert wurde. Ein Journalist der »Frankfurter Rundschau«, Thomas Gnielka, erschien bei der Staatsanwaltschaft, weil ein Freund von ihm, ein Künstler, der in Auschwitz seine beiden Kinder verloren hatte, in einem Lehrer einen seiner ehemaligen Peiniger wiedererkannte. Die Polizei wollte seine Anzeige nicht aufnehmen, und auch Oberstaatsanwalt Walter Friedberg (Robert Hunger-Bühler) wiegelt ab. Auschwitz sei doch nur ein Schutzhaftlager gewesen, murmelt ein anderer Staatsanwaltschaftskollege. Doch Radmann, eigentlich zuständig für Verkehrsdelikte, kniet sich in den Fall, recherchiert, dass der Lehrer tatsächlich in Auschwitz war. Nur widerwillig leitet Friedberg den Fall an die Kultusbehörde weiter. Und suspendiert wird der Lehrer, der seinen Schülern auch mal gerne eine langt, nicht. Aber als ein empörter Artikel in der »FR« erscheint, wird Radmann zum hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (der verstorbene Theaterdarsteller Gert Voss, dem dieser Film gewidmet ist) zitiert. Der ist zwar erst mal erzürnt, weil er glaubt, Radmann habe Unterlagen der Staatsanwaltschaft weitergegeben, aber er macht dem jungen Mann auch klar, dass der ganze Staatsdienst noch von Menschen mit NS-Vergangenheit voll ist. 

Im Labyrinth des Schweigens liefert gewissermaßen die Vorgeschichte des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses, der im Dezember 1963 im Frankfurter Römer begann und bis zur Urteilsverkündung 1965 dauerte.  Der Film ist  ein Amalgam aus Realität und Fiktion, Authentiziät und kinogerechter Spurensuche. Den Journalisten Gnielka hat es wirklich gegeben, aber in Radmann und dem ihm zur Seite gestellten Staatsanwalt Otto Haller (Johann von Bülow) sind die beiden Staatsanwälte Joachim Kügler und Georg Friedrich Vogel verwoben, die damals zusammen mit Gerhard Wiese den Prozess führten. Im Film etwas am Rande steht die zentrale Figur der Auschwitz-Prozesse, der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der als Sozialdemokrat und Jude selbst in einem KZ gesessen hatte. Er sorgte dafür, dass der Prozess unter seine Gerichtsbarkeit nach Frankfurt kam.

Es ist ein großer Coup, den jungen Staatsanwalt mit Alexander Fehling zu besetzen. Schon einmal hat er in einem Film über Auschwitz mitgespielt, in Robert Thalheims Am Ende kommen Touristen. Da war er ein etwas naiver Zivildienstleistender, der sich um einen KZ-Überlebenden im internationalen Begegnungszentrum kümmern sollte. Fehling ist ein sich eher zurücknehmender Schauspieler, kein großer Gestikulierer. Man erkennt in den Anfangsszenen von Im Labyrinth des Schweigens immer das ungläubige Staunen darüber, dass das damals geschah – und darüber, dass es Ende der fünfziger Jahre keiner mehr wahrhaben will. Und dann wandelt sich dieses Staunen auf seinem Gesicht zu einer Verbissenheit und spiegelt die Besessenheit wider, mit der er sich in die Fälle verbeißt.

Denn es gibt Rückschläge. Radmann versucht, den Lagerarzt Josef Mengele dingfest zu machen, bittet auch um Mithilfe beim Bundesnachrichtendienst, doch er scheitert und muss erkennen, dass die alten Netzwerke immer noch ihre Wirkung tun. Bauer macht ihm klar, dass es nicht um die prominenten NS-Täter gehe. Und dass nur Mord bisher nicht verjährt ist. Radmann stürzt sich in die Aktenarbeit und, vor allem, die Vernehmung von Zeugen, die er mit dem Sekretär des Internationalen Auschwitz-Komitees, Hermann Langbein, organisiert. Es gehört zu den Stärken des Films, dass er seine emotionale Wucht gerade daraus zieht, dass er diese Vernehmungen (die ja alle nachzulesen sind) nicht ausführlich zeigt, nie plakativ seine Finger in die Wunden legt. Einmal kommt die Sekretärin der beiden Staatsanwälte (Hansi Jochmann) mit verheultem Gesicht aus dem Zimmer gelaufen.

Regisseur Giulio Ricciarelli vertraut in seinem erstaunlich sicher inszenierten Debüt solchen Momenten. Und es gelingt ihm, uns heutigen Zuschauern, die wir wahrscheinlich mehr wissen und auch mehr wissen wollten als die Zeitgenossen damals, mit einer Geschichte zu fesseln und zu berühren, deren Ausgang wir schon kennen. Dass Ricciarelli und die Drehbuchautorin Elisabeth Bartel ihrem Protagonisten das Auf und Ab einer Liebesgeschichte, einen vorübergehenden Berufswechsel und einen gewissen Vaterkomplex andichten, verblasst vor der äußeren wie inneren Dramatik Radmanns und seinem Bemühen, den Opfern eine Stimme zu geben. Und so wird aus Im Labyrinth des Schweigens, der mit seinen production values die Atmosphäre der fünfziger Jahre überzeugend rekonstruiert,  ein vehementes Plädoyer dafür, dass man Auschwitz wie überhaupt die nationalsozialistische Vergangenheit nie relativieren sollte, auch wenn seit der Befreiung der Lager sieben Jahrzehnte vergangen und die meisten Täter wie Opfer längst verstorben sind.

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