Kritik zu Departed – Unter Feinden

© Warner Bros.

Nachdem er mit episch-historischen Projekten wie Gangs of New York und Aviator am Oscar vorbeigeschrammt ist, scheint Martin Scorsese wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt - dem Gangsterfilm. Und er hat Jack Nicholson mitgenommen.

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Kein anderer Regisseur ist derart von der Freigebigkeit des Kinos überzeugt wie Martin Scorsese. Die Filmgeschichte birgt für ihn Reichtümer, an denen er sich ausgiebig bedienen kann. Seine prunkende Cinéphilie ist Ernte und Saat zugleich. Er versteht es wie kein zweiter Veteran aus der ruhmreichen Epoche des New Hollywood, die Erzählstrategien seiner Meister mit jedem Film neu zu erfinden und das Gelungene noch zu überbieten. Andere Filmemacher würden gewiss haushälterischer mit ihren Erzählideen umgehen, sie auf zwei, drei Filme verteilen. Wie viel Disziplin es ihn kostet, im Schneideraum Entscheidungen zu treffen, wird wohl nur seine treue Cutterin Thelma Schoonmaker ermessen können.

Vielleicht kann er sich deshalb so gut in die Erlebniswelt von Gangstern einfühlen, die sich der Verfügbarkeit der Welt gewiss sind. Er nähert sich ihnen mit dem Außenseiterblick eines Eingeweihten. In langen, subjektiven Plansequenzen demonstriert er in Mean Streets und GoodFellas, wie sich seine jungen Protagonisten als Fürsten durch ihr Milieu bewegen, sich im Zentrum wähnen eines dichten Netzes aus Ergebenheit und Loyalität. Wie im Rausch flanieren sie durch eine Welt, die ihnen als ein einziges, verschwenderisch drapiertes Auslagenfenster erscheint. Die Initiation in diese Welt folgt in seinem neuen Gangsterfilm einer anderen Inszenierungsstrategie. Hier wird die Wahrnehmung der Realität durch die Montage in ein Mosaik aus Verlockung und Korruption fragmentiert. Und die Figur, die über diese Welt gebietet, ist anfangs nur im Halbdunkel oder als Schattenriss zu sehen. Der Zuschauer wird auf Distanz gerückt, der Pate Frank Costello (Jack Nicholson) erscheint wie eine Verkörperung des unerreichbar Fremden.

Diese Exposition lässt sich auch als Vorahnung lesen, dass sich Scorsese diesmal auf ein Erzählterrain begeben hat, das er nicht recht zu durchdringen vermag. Mit einer Virtuosität, die nie ganz zur Routine gerinnt, inszeniert er ein Remake von Infernal Affairs, einer Preziose des jüngeren Hongkong-Kinos von Andrew Lau und Alan Mak. Seit Cape Fear musste Scorsese seine Regie nicht mehr so sehr dem Plot unterordnen. Drehbuchautor William Monahan hat die Vorlage fast im musikalischen Sinne transponiert, sämtliche Erzählelemente neu orchestriert. Die Handlung hat er ins irisch-katholische Milieu seiner Heimatstadt Boston verlegt, die Machtspiele zwischen Polizei und organisiertem Verbrechen um eine Dimension der Obszönität erweitert, kraft derer sich die Akteure unablässig der eigenen Virilität vergewissern.

Im Zentrum steht auch hier zunächst der Werdegang zweier Polizeikadetten. Blitzgescheit montieren Thelma Schoonmaker und Scorsese in Departed diese Parallelbiografien und changieren rasant zwischen den Zeit- und Erzählebenen. Colin Sullivan (Matt Damon), ein Ziehsohn von Frank Costello, wird in die Polizei eingeschleust. William Costigan jr. (Leonardo DiCaprio), der eigentlich mit der kriminellen Vergangenheit seiner Familie brechen will, wird zum Schein unehrenhaft aus dem Dienst entlassen, um als verdeckter Ermittler Costellos Gang zu infiltrieren. Die Maulwürfe werden in immer halsbrecherische Situationen verstrickt, bis sie sich auf Geheiß ihrer Vorgesetzten am Ende gegenseitig jagen müssen.

Infernal Affairs (der sich binnen eines Jahres zu einer Trilogie auswuchs) verlieh der dem Genre immanenten Spiegelbildlichkeit von Polizist und Gangster nicht nur einen originellen Dreh, er relativierte den Moralkodex der gegnerischen Parteien, die mit den gleichen Mitteln - Täuschung, Verrat und Mord - operieren. Diese Ambivalenz gehört seit dem Film noir zur Arithmetik des Genres. Im Original ist sie indes in einer tiefen Melancholie grundiert. Es erzählt Tragödien der vergeblichen Zugehörigkeit, legt seinen Protagonisten ein infernalisches Pensum der seelischen Heimatlosigkeit und vergeudeten Lebenszeit auf, das sie in ihrer falschen Identität absolvieren müssen.

Für das Motiv der sich auflösenden Konturen und Identitäten findet Scorsese zwar griffige visuelle Metaphern (etwa die unzuverlässigen Bilder der Überwachungskameras). Aber unter der Fülle der Motive und Attraktionen (in dem staunenswert hochkarätigen Ensemble ragen vor allem Alec Baldwin und Mark Wahlberg heraus) droht das Faszinosum des Originals abhanden zu kommen. Eigentlich hätte sich in Departed eine Geschichte über verfehlte Vater-Sohn-Beziehungen entfalten können. Aber Scorsese kann sie nie recht als bedrohlichen moralischen Resonanzraum abstecken, da Nicholson in seinen Szenen vorzugsweise sich selbst Gesellschaft leistet. Er will Costello den mythischen Rang eines Patriarchen ohne Dynastie erspielen, verdoppelt dabei aber nurmehr das Ausschweifende seiner Figur. Costello kostet seine grelle, vulgäre Gangsterexistenz aus im stolzen Wissen um ihre moralischen und kultivierteren Alternativen. Die Sequenz, in der er mit zwei Gespielinnen Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" besucht, ist insgeheim eine Schlüsselszene geworden. Die berühmte Frage aus dem Sextett, "Chi me frena?" - Was hält mich zurück?, die schon Howard Hawks' Scarface nicht aus dem Kopf ging, beantwortet Nicholsons Costello mit einem prahlerischen Nichts, nicht einmal der Regisseur.

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