Kritik zu Boston

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Fünf Tage im April: Peter Berg rekonstruiert die Ereignisse um den Terroranschlag beim Boston-Marathon 2013 mit einem um Mark Wahlberg versammelten Star-Ensemble und viel Sinn für das wachsende Gemeinschaftsgefühl in großer Not

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Der Originaltitel von Peter Bergs Film über den Terroranschlag beim Boston-Marathon 2013 verheißt nichts Gutes: »Patriots Day«, das klingt nach Nationalismus, Xenophobie und übereifriger Selbstvergewisserung. Tatsächlich ist der Film nichts von alledem. Der Begriff Patriots Day bezeichnet zunächst einmal einen realen Feiertag, der dem Beginn der Amerikanischen Revolution gewidmet und der Termin ist, an dem in Boston traditionell ein Marathonlauf stattfindet. Natürlich steckt hinter der Wahl des Filmtitels auch eine Mehrdeutigkeit, aber sie entwickelt sich anders als gedacht.

Zunächst zu den Fakten. Wir erinnern uns: Am 15. April 2013 zündeten die aus Tschetschenien stammenden Brüder Dzhokhar und Tamerlan Tsarnaev beim Boston-Marathon zwei selbst gebaute Bomben. Drei Menschen starben, Hunderte wurden zum Teil schwerst verletzt. Die Suche nach den Tätern dauerte fünf Tage und versetzte die gesamte Stadt in eine Art Ausnahmezustand.

Einen starbesetzten Spielfilm über ein so einschneidendes Ereignis zu drehen, könnte leicht geschmacklos wirken. Doch Peter Berg verfilmt die Geschehnisse im für ihn typischen Stil: Schnörkellos, ungemein effektiv, aber durchaus effektvoll und nie reißerisch. Wie kaum ein zeitgenössischer amerikanischer Regisseur versteht Berg sich darauf, reale Ereignisse als Spielfilme aufzubereiten, ohne sie für emotionalisierende Effekte auszuschlachten. Ließen seine vorangegangenen Filme »Lone Survivor« und »Deepwater Horizon« an Peckinpah und Hawks denken, kommt einem bei »Patriots Day« nun John Frankenheimer in den Sinn, mit seiner präzisen und nüchternen, trotzdem nicht unterkühlten Erzählweise. Die Szenen des Attentats sind relativ kurz gehalten. Ein Chaos aus Rauch, Trümmern und verletzten Menschen vermittelt in wenigen Augenblicken ein Gefühl für die Verzweiflung und die alptraumhafte Orientierungslosigkeit der Situation. Selbst das Feuergefecht zwischen den beiden Terroristen und der Polizei auf einer nächtlichen Wohngebietsstraße inszeniert Berg zwar ungemein packend, aber nicht als Spektakel – auch hier bestimmen infernalisches Chaos und Panik das Geschehen.

Für die islamistischen Motive der beiden Täter interessiert Berg sich kaum. Eine kluge Auslassung, denn bei einer solchen Tat verschwindet der Grund, egal welcher Couleur, hinter der Abscheulichkeit der Gewalt. Auf einer menschlichen Ebene wird das Motiv bedeutungslos. Und um diese menschliche Ebene geht es Berg, der auch am Drehbuch mitwirkte, vor allem. Seine Erzählung konzentriert sich auf die Betroffenen, auf die Menschen, die entweder zu Opfern wurden, als Ersthelfer den Opfern beistanden oder als Polizisten die Täter jagten. In seiner Würdigung dieser Männer und Frauen findet Berg den richtigen, weil zurückhaltenden Tonfall; nur in wenigen Momenten bedient er sich, sehr gekonnt, dramatischen Zuspitzungen. Ihm gelingt, wenn man es so nennen will, ein pietätvoller Thriller. Dazu passt auch das Ensemble aus hochkarätigen Schauspiel Professionals wie John Goodman, Kevin Bacon und J.K. Simmons, die sich keinerlei Manierismen erlauben, sondern ihre Charaktere mit einer wohltuenden Geradlinigkeit verkörpern.

Mark Wahlbergs nominelle »Hauptfigur« eines fiktiven Polizisten, der auf wundersame Weise stets an den entscheidenden Orten zur Stelle ist, brachte dem Film in Amerika Kritik ein. Dabei ist gerade diese Figur ein intelligenter dramaturgischer Schachzug: Während die Gesamterzählung als Mosaik aus realen Einzelschicksalen angelegt ist, steht Wahlbergs Cop für all die ungenannten Menschen, die an diesem Tag zu einer (bemerkenswert multiethnischen) Schicksalsgemeinschaft verschmolzen. In der Hommage an dieses Gemeinschaftsgefühl liegt denn auch die Essenz des Films. In diesem Sinne gibt es dem Filmtitel eine unerwartete Bedeutung, wenn am Ende solidarische Bilder von weltweiten Orten des Terrors zu sehen sind: Berg begreift Patriotismus nicht als Nationalismus, sondern als verbindenden Humanismus. Eine Haltung, die Amerika gerade jetzt gut gebrauchen kann.

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