Festival von Locarno: Männer in der Krise

»Beach Rats« (2017)

»Beach Rats« (2017)

Die Attraktion des Festivals von Locarno sind die Vorführungen auf der Piazza Grande – doch das Kernstück bleibt der dem Nachwuchs verpflichtete Wettbewerb

Ist Film zu einem schmutzigen Wort geworden? Gerade unter denen, die das Kino lieben? Das könnte man sich fragen, wenn ein Festival genau das, wo­rum es geht, aus seinem Namen streicht. So geschehen beim Festival von Locarno, das in diesem Jahr sein 70. Jubiläum feierte.

»Locarno Festival« heißt es jetzt nur noch. Zu den Neuerungen zählte ein Wettbewerb, bei dem man eine selbst gefilmte Beschreibung des eigenen Lieblingsfilms vorab einreichen konnte – die angeblich besten Beiträge wurden dann beim Festival gezeigt. Begrüßenswerter war da schon der neue Festivalort, das Pala Cinema in der Innenstadt: Von außen ist es ein wenig einladender Betonklotz, innen aber boten die drei Säle mit ihren bequemen Sesseln und den ansteigenden Sitzreihen eine zeitweilige Erlösung von den unbequemen Plastikstühlen in der Mehrzweckhalle des FEVI. Das bleibt weiterhin Spielort, schon wegen seiner Größe, denn wo sonst kann man am Abend mehr als 3000 Besucher unterbringen, wenn das Wetter auf der Piazza Grande, dem »Herzstück des Festivals« (Eigencharakterisierung), wieder einmal nicht mitspielt.

Das war in diesem Jahr mehrfach der Fall, auch bei »Der Mann aus dem Eis«, einem der beiden Beiträge, mit denen Deutschland auf der Piazza vertreten war. Bei ihn drängte sich außerdem der Verdacht auf, Filme auf der Piazza seien teilweise für ihre eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen ausgesucht worden. Immerhin war es ein bewegender Moment, als Team und Darsteller des Ötzi-Films nach der Vorführung im strömenden Regen die wenigen Zuschauer begrüßten, die auf der Piazza ausgeharrt hatten, und André Hennicke ihnen zurief, jetzt könnten sie sich vorstellen, wie es ihnen während der Dreharbeiten ergangen sei.

Insofern hätte auch »VinterbrØdre«, das Langfilmdebüt des Isländers  Hlynur Pálmason, auf die Piazza gepasst, die Geschichte zweier Brüder überzeugte nicht nur durch das Drama der Figuren, sondern auch durch die eindringlichen Bilder, die gleißenden einer eisigen Schneelandschaft, die düsteren der Arbeit in einem Bergwerk. Das dokumentarische Gegenstück dazu lieferte der Amerikaner Ben Russell in der französisch-deutschen Koproduktion »Good Luck«,die die Härte der Arbeit unter Tage in einer Kupfermine in Serbien und die Härte in einer illegalen Goldmine im Dschungel Surinams aufzeichnet. Männliche Körperlichkeit wurde überhaupt großgeschrieben im Wettbewerb dieses Jahres, sowohl in Spiel- als auch in Dokumentarfilmen: Denis Coté porträtiert eine Gruppe von Bodybuildern (Ta Peau si lisse), der Schweizer Dominik Locher erzählt von einer Paarbeziehung, die durch das Krafttraining des Mannes und seine Einnahme von Hormonpräparaten immer mehr in jene Krise gerät, die sein Tun eigentlich vermeiden sollte. Eher low key geht Eliza Hittman das Thema in Beach Rats (im Wettbewerb »Filmemacher von morgen«) an: Mit dokumentarischer Nüchternheit erzählt sie von einem Teenager in Brooklyn, der unschlüssig zwischen seiner Clique, schwulen Sexkontakten im Internet und einer neuen Freundin changiert. In Locarno eher wenig beachtet, hat der Film immerhin einen deutschen Verleih. Auch den neuen Film von Travis Wilkerson kann man hier einordnen: In »Did You Wonder Who Fired the Gun?« recherchiert er die Geschichte seines Urgroßvaters, der 1946 in Alabama einen Schwarzen ermordete, aber dafür nie zur Rechenschaft gezogen wurde, und die seines Opfers. Wenn er bei seinen Nachforschungen teilweise bedroht wird, nimmt das Züge eines (Polit-)Thrillers an, nach den Ereignissen von Charlottesville gewinnt der Film zusätzliche Aktualität in der Sichtbarmachung unseliger Traditionen. Dieser Film war einer von fünf Dokumentarfilmen unter den 18 Filmen des Hauptwettbewerbs, am Ende erhielt Wang Bings »Mrs. Fang« (mitproduziert von der documenta) den Hauptpreis, auch wenn dieser Film über eine Alzheimerpatientin und ihre Familie, die sie im Krankenhaus besucht, nicht an die Komplexität früherer Arbeiten des chinesischen Dokumentaristen heranreicht.

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