"Vieles in Hollywood funktioniert prächtig"

Regisseur David Cronenberg

© Toronto International Film Festival

David Cronenberg ist seit weit über 30 Jahren aus dem Filmgeschäft nicht mehr wegzudenken. Er dreht mit großen Stars wie Viggo Mortensen, Jude Law oder Naomi Watts und wird von amerikanischen Kritikern genauso gefeiert wie in Cannes oder seiner kanadischen Heimat. Maps to the Stars nun ist sein erster Film, den er in den USA gedreht hat. Und er spielt auch noch in Hollywood. Grund genug, mit dem 71-Jährigen mal über jenen Ort zu sprechen, an dem man ihn sich eigentlich kaum vorstellen kann

epd Film: Mr. Cronenberg, uns war bislang verborgen geblieben, dass Sie sich derart für das Thema Hollywood interessieren.

David Cronenberg: Keine Sorge, das tue ich auch nicht. Was mich an Maps to the Stars interessiert hat, war einzig und allein das Drehbuch von Bruce Wagner, nicht irgendeine Faszination meinerseits für Hollywood. Genauso wenig hege ich aber übrigens irgendwelche Animositäten oder so.

Dafür ist das, was Sie jetzt im Film zeigen, ganz schön böse, oder?

Finden Sie? Eigentlich ist er nur ein Abbild der Realität. Bruce sagt, dass jeder Drehbuchsatz einer ist, den er selbst mal in Hollywood gehört hat. Er lebt dort ja schon sein ganzes Leben, während ich immer nur zu Besuch bin. Wobei ich zugeben muss, dass ich dort sehr viele sehr seltsame Begegnungen hatte, wenn es darum ging, Filme auf die Beine zu stellen. Wirklich sehr bizarr. Genauso, wie es im Film nun eben auch dargestellt ist.

Also würden Sie sagen, dass dies eine Geschichte ist, wie sie eben nur in der Traumfabrik spielen kann?

Oh, nein, die könnte sich genauso gut in anderen vom Geld dominierten Welten ereignen, etwa im Silicon Valley oder an der Wall Street. Von all diesen Welten ist Hollywood nur eben die, zu der die Kamera am schnellsten einen Zugang findet.

Aber Plot und Personal in Maps to the Stars sind doch sehr aufs Filmgeschäft zugeschnitten . . .

Im Detail natürlich schon. Aber das einzige Element unserer Geschichte, das ganz spezifisch so nur in Hollywood zu finden ist, ist der Kinderstar. Denn an der Wall Street sind berühmte 13-Jährige ja eher selten anzutreffen. Eher noch im Silicon Valley. Aber nirgends ist das so abartig wie in unserer Branche.

Was genau meinen Sie?

Der Druck auf diese Kinder ist einfach wahnsinnig. Und er verändert, nein: deformiert sie. Auch, weil zu diesem Karrierekonzept fast immer Showbiz-Eltern gehören, die von dem Geld leben, das es verdient. Dadurch geht aber natürlich die Elternfunktion verloren. Von wem lernt das Kind dann aber, wie man sein Leben führt?

Apropos Deformation: Ihre Filme verbindet die Beschäftigung mit Körpern, die sich verändern oder verändert werden, die nicht der Norm entsprechen. Woher kommt diese Obsession?

Für mich ist der Körper das, was die menschliche Existenz ausmacht. Ein Großteil der Kunst und vor allem natürlich die Religionen sind Versuche, der Realität des Körpers zu entfliehen. Manche der großen Religionen formulieren es ja sogar so: Der Körper ist nichts, aber die Seele ist alles. Sagte nicht einer der klassischen griechischen Philosophen, dass wir alle große Seelen seien, die kleine tote Körper mit sich herumtragen müssen? Für mich ist das ein höchst perverses Konzept. In meinen Augen sind wir unsere Körper, die machen unsere Existenz aus. Wenn die Kunst letztlich nichts anderes ist als eine Untersuchung der Conditio humana, dann muss man sich doch als Filmemacher zwangsläufig mit dem menschlichen Körper beschäftigen.

Und ist im Fall von Maps to the Stars Hollywood selbst ein großer kranker Körper?

Jetzt driften Sie ins Metaphorische ab. Und das ist Ihr Metier als Kritiker, nicht meines als Regisseur. Wenn ich einen Film mache, denke ich nie abstrakt oder thematisch darüber nach.

Wir hatten erwartet, Sie würden im Gespräch viel härter mit Hollywood ins Gericht gehen.

Warum sollte ich? Vieles dort funktioniert nach wie vor prächtig. Und nur weil ich dort nicht leben und vor allem nicht arbeiten möchte, heißt es nicht, dass ich es nicht auch oft genieße, wenn ich dort bin.

Warum genau schließen Sie es dann aus, dort auch mal einen Film zu drehen?

Ich sehe ja bei anderen Kollegen, wie das läuft. Guillermo del Toro, mit dem ich mich immer treffe, wenn er in Toronto dreht, hat die größten Budgets zur Verfügung. Aber was er dafür durchmachen muss, ist fürchterlich. Er hat nicht annähernd die künstlerischen Freiheiten, die ich habe. Er liebt Spezialeffekte, das sind seine Spielzeuge. Aber um mit denen spielen zu dürfen, muss er eben den Deal mit dem Teufel eingehen.

Worin besteht der?

Er kann nicht zu 100 Prozent seine Vision umsetzen, sondern muss Kompromisse eingehen. Und das bedeutet: einen Film drehen, wie ihn alle anderen in Hollywood auch drehen.

Los Angeles ist also kein Platz für Künstler, sondern nur für Scharlatane?

Man kommt zumindest weit, wenn man nur dreist genug ist. Ich erinnere mich noch gut an jenen exaltierten Produzenten, dessen persönlicher Koch ihm die wunderbarsten Mahlzeiten zauberte. Und sich das natürlich fürstlich bezahlen ließ. Aber nach einer seiner Partys, für die der vermeintliche Privatkoch verantwortlich war, entdeckte der Produzent im Müll lauter Kartons von Restaurants und Catering-Firmen. Wie sich herausstellte, konnte dieser Typ gar nicht kochen und hatte seinen Boss all die Zeit hinters Licht geführt. Natürlich schmiss er ihn raus. Doch weil ihm die Sache peinlich war, erzählte er niemandem davon – und der vermeintliche Koch zog die gleiche Nummer prompt beim nächsten Hollywoodbonzen durch.

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