Berlinale: Thema Sex

"Top Girl oder La déformation professionnelle" (2014)

© turanskyj & ahlrichs

Bevor überhaupt ein Bild über die Leinwand geflimmert war, kam die Ansage: Sex wäre das beherrschende Thema des diesjährigen Berlinale-Festivals. Nun könnte man meinen, dass bei einem Angebot von mehr als 400 Filmen immer auch ein bisschen gestöhnt, gekuschelt und gevögelt wird. Doch es hat Jahre gegeben, da war die für die Berlinale charakteristische politische Anspannung so groß, dass erotisch gar nichts mehr lief – überall nur Stress, Armut, Krieg, Verbrechen. Jetzt aber: Lars von Trier! 

Pornografie! Intimchirurgie! BDSM! Ein Angebot, das manchen »schlüpfrig « erschien und weniger als Zeichen geglückter Entgrenzung denn als Reflex einer umfassenden Misere gedeutet wurde. Von Triers Nymphomaniac Volume 1 – inzwischen komplett im Kino – und Tatjana Turanskyjs Top Girl über eine Sexarbeiterin markierten etwa für Thomas Assheuer in der »Zeit« das »jämmerliche Ende der sexuellen Revolution«, die Abspaltung der Sexualität von »religiösen und kulturellen Deutungen«: bis nur noch der »basic instinct« übrigbleibt.

Tatsächlich leben wir in komplizierten Zeiten. Einerseits scheint zwischen dem Kerl mit dem »behaarten Rücken« und der Doppel- Analnummer auf dem Amateursexkanal so ziemlich jedes Tabu gefallen. Zugleich werden überall auf der Welt Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt. Die Forschung hat die »Neosexualitäten « entdeckt, aber in der »Welt« online annonciert sich ein Redakteur launig als homophob, und im Internet werden Aufkleber mit »lustigen Sprüchen« wie »Todesstrafe für Kinderschänder« gehandelt. Da soll man Spaß haben?

Glücklicherweise war die »Sex- Berlinale« nicht nur von Angst und Depression gezeichnet. Top Girl (im Forum) etwa analysiert ganz trocken, welche umfassenden Versorgungsleistungen Frauen heute erbringen: zuständig für die emotionale Entlastung und physische Entladung berufstätiger Männer, nebenbei aber auch für die Erziehung der Kinder. Wie Julia Hummer sich hier von einer überforderten Mutter in eine Domina verwandelt, mit eher ungelungenem Make-up und ein paar Accessoires, die sie auf dem Klo aus ihrer Handtasche wühlt: das ist fast so gut wie die Szene in Tim Burtons zweitem Batman-Film, in der aus einer verhuschten Sekretärin Catwoman wird.

Einen noch anspruchsvolleren Job hat die Sextherapeutin in She’s Lost Control, dem bemerkenswerten Debüt der Berliner Regisseurin Anja Marquardt (ebenfalls Forum). Ronah (Brooke Bloom) behandelt Männer, die nicht zulassen können, dass man sie anfasst. Zu dieser Therapie gehört alles Mögliche: reden und analysieren, zuhören, fühlen, berühren, irgendwann auch miteinander schlafen, dann ist es meistens gut gelaufen. In einem arthouse-typisch verhaltenen Stil bringt der Film das Kunststück zuwege, den abgespaltenen Sex ins Leben zurückzuholen: als Form der sozialen Interaktion, des Austauschs, des Aufgehobenseins.

Und die Erotik, die Sinnlichkeit, das freie Spiel? Gab’s auch. In dem kleinen, von vielen Kritikern merkwürdig leidenschaftlich gehassten brasilianischen Wettbewerbsfilm Praia do futuro von Karim Aïnouz etwa: schöne Männer, Meer, Musik.

Die Wiedervereinigung von Sex und Geist gelang aber vor allem Dominik Graf in seinem Drama Die geliebten Schwestern, das eine – nicht belegte – Dreiecksbeziehung zwischen Friedrich Schiller, seiner Frau Charlotte von Lengefeld und ihrer Schwester Caroline ausfabuliert: eine gelungene Überblendung moderner und historischer Beziehungsideale.

Im Mittelteil gab es Passagen, da konnte man denken, es ließe sich noch mal von vorn anfangen, in aller Unschuld. Ein magic moment dieser Berlinale? Wie Schiller und Caroline im Bett landen. Und man nur das Gesicht von Hannah Herzsprung sieht, in dem sich ein süßer Orgasmus spiegelt: leidenschaftlich und ein bisschen verwundert. Ob er ihr wehtue, fragt er. Nein, haucht sie: Das sei alles »sehr erfreulich«.

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