Kritik zu Zwei Herren im Anzug

© X-Verleih

2018
Original-Titel: 
Zwei Herren im Anzug
Filmstart in Deutschland: 
22.03.2018
V: 
L: 
139 Min
FSK: 
12

Neben seiner Arbeit als Schauspieler betreibt Josef Bierbichler eine unter Münchnern sehr beliebte Wirtschaft am Starnberger See, die seit Generationen in Familienbesitz ist. Sie ist der Schauplatz seiner zweiten Regiearbeit, einer wuchtigen Familiensaga aus dem bäuerlich-katholischen Milieu Bayerns

Bewertung: 3
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Es ist wohl nicht leicht, von diesem Stoff loszukommen. Erst nahm er die Gestalt eines Romans von imposantem Umfang an, sodann die eines Hörbuchs von ebenfalls beträchtlicher Länge. Das war 2011. Vier Jahre später wurde er von den Münchner Kammerspielen für die Bühne adaptiert; in diesem Jahr wurde auch die zweite Inszenierung des Hauses zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Nun ist aus ihm ein Film geworden.

Das ist triftig, denn Josef Bierbichlers Roman »Mittelreich« handelt von der Unmöglichkeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sie will nicht ruhen, auch wenn sie ein Vermächtnis ist, das man am liebsten ausschlagen würde. Auf die Frage, ob es tatsächlich so dringlich war, diese Geschichte auf die Leinwand zu bringen, gibt ihre lebhafte Adaptionsgeschichte freilich keine zwingende Antwort. Vielleicht hilft es vorerst festzuhalten, dass es etwa Vergleichbares im deutschen Kino noch nicht (oder zumindest seit langer Zeit nicht mehr) gegeben hat.

Diese Jahrhundertchronik ist ein schwerblütiger Wechselbalg, halb intime Generationensaga, halb wüstes deutsches Requiem. Bierbichler erzählt von der fortdauernden Zerrüttung einer Familie, von Bigotterie und Geschäftssinn eines bayrisch-katholischen Milieus, das mitschuldig ist an der Judenvernichtung und Missbrauch im Internat gebiert: Anlässlich einer Papstwahl kommt es zu einer wundersamen Himmelfahrt und schließlich wird ein Inzest gezeigt, von dem man nicht recht weiß, ob er vollzogen wurde. Die Tondramaturgie ist dräuend und die Symbolsprache schürt in beklemmender Tiefe. Dazu erklingt viel Wagner; vorsichtshalber wird noch Leni Riefenstahls Parteitagsfilm zitiert. Humorvoll geht es zuweilen auch zu. Bierbichler spart nichts aus und kann das alles, in Personalunion von Autor, Regisseur und Hauptdarsteller, nicht fassen.

»Zwei Herren im Anzug« setzt 1984 mit einem Leichenschmaus ein. Pankraz (Bierbichler) und Semi (Simon Donatz) haben gerade ihre Ehefrau beziehungsweise Mutter zu Grabe getragen. Nun bleiben sie allein im Wirtshaus zurück, wo sie die Bilanz ihrer Leben ziehen und alte Rechnungen aufmachen. Die Erinnerung des Vaters holt weit aus, reicht zurück bis zur Kindheit im Kaiserreich. Sein älterer Bruder kommt versehrt an Körper und Verstand aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Jetzt muss Pankraz, dessen schöne, helle Stimme ihm den Weg auf die Opernbühne hätte ebnen können, die Seewirtschaft übernehmen. Ihm bleibt keine andere Wahl, als das verfluchte Erbe anzutreten. Er führt es durch bewegte Zeiten, heiratet Theres (Martina Gedeck), die ihm Semi gebiert. Dessen Nähe ekelt ihn. Nachdem ein Sturm die Wirtschaft 1954 fast zerstört, ist er ein gebrochener Mann. Dem Wirtschaftswunder wohnt er nurmehr bei; er hadert mit dem Wandel, der nicht zuletzt von seinem ungeliebten Sohn verkörpert wird.

Ein Heimatfilm ist dies nicht, sondern einer über Charaktere mit auferlegten Wurzeln. Sie haben nur einen Begriff von dem, was ihnen fremd ist. Ihr Leben wird heimgesucht von Touristen und Besatzungssoldaten. Pankraz erscheint in seiner Lebensbeichte wie jemand, der eingekreist wird von den Verhältnissen, nicht aber in sie verstrickt ist. Semi hingegen will ihn nicht aus der Schuld entlassen; Donatz müht sich nach Kräften, seiner Opferrolle Autorität zu verleihen. Kinogängern, die nördlich von Coburg wohnen, wären Untertitel anfangs höchst willkommen. Erst mit der Zeit hört man sich in den Dialekt ein. Bierbichler findet drastische Bilder, um dem bäuerlichen Leben filmische Präsenz zu verleihen. Es ist für ihn nicht lyrisch, sondern derb. Seine Regie ist ein Wüten gegen die Gereimtheiten des Gegenwartskinos. Ihm ist es wurscht, ob eine Szene ihren theatralen Erzählgestus auch wirklich verträgt. Der groteske Maskenball jedoch gewinnt dank der Hitler-Travestie Carin Striebecks eine bezwingend orgiastische Ambivalenz. Dieses Mittelreich ist ein unerlöster Ort, aus dem Bierbichler kein Entrinnen weiß.

...zum Interview mit Josef Bierbichler

Meinung zum Thema

Kommentare

Der Roman ist flüssiger. Aber den Film hätte er von einem Profi
drehen lassen sollen, ebenso das Drehbuch.
Als Schauspieler schätze ich ihn.
M.M

Der Film hat mich sehr bewegt und eine Diskussion im Freundeskreis angeregt. Nun sind wir auf der suche nach der Musik. Im Abspann wurde sie aufgeführt (wie übrigens auch all die "Nebenrollen"). Wo gibt es im Internet diese Informationen?

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