Kritik zu Wir sind jung. Wir sind stark

© Zorro

2014
Original-Titel: 
Wir sind jung. Wir sind stark
Filmstart in Deutschland: 
22.01.2015
S: 
V: 
L: 
123 Min
FSK: 
12

Sein Debütfilm »Shahada« war 2010 eine der großen Entdeckungen im Wettbewerb der Berlinale. In seinem neuen Werk rekonstruiert er erzählerisch mit fabelhaften Darstellern die fremdenfeindlichen Exzesse 1992 in Rostock-Lichtenhagen

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 3)

Die Nacht vom 24. auf den 25. August 1992 im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen hatte symbolhafte Bedeutung für die deutsche Gesellschaft. Mehrere hundert Jugendliche setzten in Lichtenhagen ein Asylbewerberheim in Brand, in dem sich zu diesem Zeitpunkt unter anderem 120 Vietnamesen, städtische Mitarbeiter sowie ein Team des ZDF-Magazins »Kennzeichen D« aufhielten. Unter den Augen von Fernsehkameras und Journalisten aus aller Welt, gefeiert und angefeuert von rund 3 000 Zuschauern, agierten die Jugendlichen ohne jegliche Kontrolle. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker bewertete den fremdenfeindlichen Exzess als »ernstes und bösartiges Zeichen an der Wand«.

Vor fünf Jahren begann der deutsche Filmemacher Burhan Qurbani, Jahrgang 1980, sich mit dem 24. August 1992 zu beschäftigen. Frucht seiner Studien ist der Film »Wir sind jung. Wir sind stark«. Gemeinsam mit Kodrehbuchautor Martin Behnke erzählt  Qurbani, dessen Eltern 1979 Afghanistan verließen, eine fiktive Geschichte. Ihr Fundament sind penibel recherchierte Fakten. Behnke hat seine Erkenntnisse in einem 70-seitigen Hintergrunddossier aufgeschrieben.

Burhan Qurbani machte 2010 mit seinem Kinodebüt »Shahada« Furore. Der Film war ein wichtiger Beitrag zur Integrationsdebatte in Deutschland. »Wir sind jung. Wir sind stark« nähert sich seinem Thema ebenso souverän wie kunstvoll. Der Regisseur erweckt Figuren zum Leben; er bedient keine Vorurteile, speist das Publikum nicht mit scheinbaren Gewissheiten und einfachen Wahrheiten ab.

Poesie beherrscht er auch. Yoshi Heimraths Kamera nimmt zu Beginn eine post­apokalyptisch anmutende Welt in Schwarz-Weiß auf. Rostocker Hochhaustristesse, Müll überall, ein brennendes Auto. Später, wenn die Gewalt eskaliert, wird der Film farbig. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe junger Menschen, darunter der psychisch auffällige Robbie (Joel Basman) und der sensible Stefan (Jonas Nay). Ein Neonazi gehört auch dazu und die hübsche Jennie (Saskia Rosendahl). Auf der anderen Seite bewegen sich die Vietnamesin Lien (Trang Le Hong) und ihre Familie auf gleichsam vermintem Gelände. Was beide Gruppen in dieser Nacht zu Todfeinden macht, umkreist der Film mit großer Sensibilität. Qurbani verweist auf ökonomische Rahmenbedingungen und den permanenten Veränderungsprozess in der ehemaligen DDR, in der sich viele als Verlierer der Geschichte empfanden. Er zeigt auch die Lethargie und den Opportunismus der Parteien, die Devid Striesow als selbstquälerisch verzagter Lokalpolitiker repräsentiert.

Und doch, das macht die Stärke des Films auch, löst sich nicht alles in naheliegenden Erklärungsmustern auf. Psychologie und Psychopathologie erscheinen als entscheidende Faktoren, gewissermaßen als Brandbeschleuniger. Die fabelhaften Darsteller beglaubigen diese These. Jonas Nay als Stefan, der als erster einen Brandsatz wirft, ist zerrissen zwischen Empathie und Aggressivität, Ekstase und Gewissensbissen. In seiner Lust an der Zerstörung liegt auch etwas Selbstzerstörerisches. Manchmal scheint es, als wolle er sich selbst auslöschen.

Passend zu dem Film beschäftigt sich Rudolf Worschech in seinem Artikel »Warten auf den Führer« mit Neonazis im deutschen Film

Meinung zum Thema

Kommentare

,,[der Regisseur] bedient keine Vorurteile" Das hab ich nicht verstanden.
Gibt es ein Beispiel für ein Vorurteil, das von diesem Film nicht
bedient wird? Ist doch komplett alles drin!
Vielleicht wird das Vorurteil widerlegt, dass Menschen mit Migrationsvordergrund immer eine ungefähre Ahnung davon haben, wie Rassismus und Volksgemeinschaft auf der Täterseite funktionieren? Aber das wär eher Meta-Ebene und nichts was im Film selbst deutlich werden würde.
Danke jedenfalls für eine der dümmsten Kritiken eines der dümmsten Filme, die ich je gesehen bzw. gelesen habe.

Andererseits, eure deutschnationale Ignoranz trägt einiges dazu bei, dass weitere Häuser brennen, also ... hört doch bitte einfach mal auf!!

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