Kritik zu Russian Ark

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Alexander Sokurov inszeniert drei Jahrhunderte russischer Geschichte in der Eremitage

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"Es muss immer einen Grund geben, einen Schnitt zu machen", soll Stanley Kubrick einmal gesagt haben. Der russische Regisseur Alexander Sokurov (Der zweite Kreis, Moloch) hat sich das gemerkt, das Schneiden gleich ganz gelassen - und mit seinem neuen Film eine Liebeserklärung an die Kunst der mise en scène abgeliefert.

Russian Ark gehört zu den Filmen, die zunächst in Produktionszahlen beschrieben werden: 96 Minuten ohne Schnitt, gedreht in einer einzigen kontinuierlichen, digitalen Steadycam-Aufnahme. Tillmann Büttner, der Kameramann, soll währenddessen über einen Kilometer Wegstrecke zurückgelegt haben. In monatelangen Proben wurden mehr als tausend Statisten vorbereitet, darunter auch so prominente wie Dirigent Valery Gergiev und sein Marijnskij Orchester. Der Gesamtaufwand am Drehort, der Eremitage in Petersburg, war so groß, dass die Aufnahme mit nur einem Take im Kasten sein musste. Dem Film eilt auf diese Weise ein Ruf voraus, wie man ihn von sensationellen Zirkusnummern kennt: Das muss man gesehen haben! Ein Ruf, der zu Regisseur Sokurov, bekannt für seine formal sperrigen Werke, gar nicht so recht passen will.

Wozu diese Rekordmeldung - längster single take feature film aller Zeiten ", weshalb die Mühe? Jenseits des Marketings, das immerhin zu einem Einspielergebnis von über einer Million Dollar in den USA geführt hat, lassen sich an diesem Projekt zwei sehr Sokurov-typische Momente herauslesen: Zum einen eine Art nachgetragener Polemik mit Eisensteins "Montage der Attraktionen", und zum anderen ein, wenn auch paradoxes, Bekenntnis zur Einfachheit. Denn all der technische Aufwand dient schlussendlich einer sehr puristischen Erzählform.

Hält etwa Chantal Akerman bei ihren langen Fahrten die Kamera starr in eine Richtung, so gibt es bei Sokurov zwar einen schweifenden Blick, der sich vor und zurück wendet, unterschiedliche Dinge fixiert, sich heranzoomt an ein Bild an der Wand, um dann im Reißschwenk eine Person am anderen Ende des Raums zu fokussieren. Doch immer wahrt die Kamera dabei den Subjektcharakter, ist sozusagen einem Körper verbunden, der selbst unsichtbar bleibt, den der Zuschauer aber unwillkürlich mit der Stimme aus dem Off identifiziert. Die ungeschnittene Bewegung ermöglicht das Erzählen in einem Atemzug, dem die Einmaligkeit der Aufnahme den Status einer zusätzlichen Reinheit verleiht.

Dieser Purismus der Form kontrastiert mit dem abgezirkelten Hin und Her der auftretenden Figuren. Deren Handeln verliert sich meist in Andeutungen. Unmöglich, alle historischen Personen, die hier in Originalkostümen (!) ins Bild treten, richtig zuzuordnen: Peter der Große mit der Peitsche, Zar Nikolaus beim Abendessen im Familienkreis, Katharina auf der Suche nach einer Toilette. Was Sokurov fragmentartig inszeniert, sind dabei weniger historische Ereignisse als vielmehr das tradierte Wissen, das lückenhafte kollektive Gedächtnis. Dass sich eine persische Delegation in stundenlanger Zeremonie für den Mord an einem russischen Diplomaten entschuldigt, hat deshalb Bedeutung, weil dieser Diplomat der Autor des Theaterstücks "Verstand schafft Leiden" war. Und die Umstände seines Todes wären vergessen, wenn nicht der Formalist Jurij Tynjanov hundert Jahre später einen Roman über das gewaltsame Ende von Alexander Gribojedow geschrieben hätte.

Sokurov geht es mit der schnittlosen Aufzeichnung also gerade nicht um die Einheit von Ort und Zeit. Das Durchschreiten der Flure, Treppen und Räume ist ihm Anlass für ein achronologisches Stolpern quer durch die Geschichte. Die Stimme aus dem Off trifft auf einen etwas heruntergekommenen Marquis aus dem 19. Jahrhundert, der fortan die Kamera begleitet und mit dem Erzähler über das Gesehene polemisiert. Es erklingen Versatzstücke vertrauter Russlanddiskurse: seine mangelnde Anschlussfähigkeit an den Westen, Petersburg als einzige europäische Stadt, der lieblose Umgang mit Kunst und Künstlern. Im Detail unterschiedlicher Ansicht, überwiegt bei beiden der geschichts- und kulturpessimistische Tonfall, der Sokurovs Werk auch sonst prägt.

Drei Jahrhunderte begegnen sich auf dieser "russischen Arche", die auch ein Beitrag zum diesjährigen Stadtjubiläum Petersburgs ist. Wobei Sokurov das vorige, genauer gesagt die 70 Jahre Sowjetherrschaft, völlig übergeht. Nur die Gegenwart taucht auf in Gestalt des heutigen Museumsleiters, der sich selbst spielt. Das Ende des Films bildet eine Ballnacht: das letzte große Monarchenfest 1913. Mit der Masse der Tanzenden verlässt auch die Kamera die Eremitage, ein wehmütiger Abschied von einer Welt, die wenige Jahre später gänzlich unterging.

Ein kleines formales Paradox ist bei alledem, dass erst die montierte Tonspur das Gefühl der Kontinuität erschafft - was mit original aufgezeichnetem Ton nicht möglich wäre. Mehr als den Augen vertraut der Zuschauer nämlich unwillkürlich der Einheit des Tons. Dass die Synchronisation nur wenig lippengenau ausfällt, verdirbt den Eindruck keineswegs, sondern verleiht den Gestalten im Gegenteil etwas Entrücktes, das gut zur Traumlogik ihrer Auftritte passt.

So intellektuell das Vorhaben anmutet, vermittelt der Film letztlich eher ein Gefühl für Geschichte, wie man es aus Kindertagen kennt. Denn haben wir es uns nicht immer so vorgestellt: die Museen nächtens bevölkert von denen, die einst hier gewohnt haben, von den Besitzern der Schätze, die dort lagern? Unter der strengen Oberfläche einer "guided tour" durch die Eremitage bietet die "russische Arche" den Thrill - und das Vergnügen - einer veritablen Geisterfahrt.

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