Kritik zu Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis

© Concorde

2014
Original-Titel: 
Nightcrawler
Filmstart in Deutschland: 
13.11.2014
R: 
B: 
L: 
117 Min
FSK: 
16

Jake Gyllenhaal als Kleinkrimineller, der als Tatortfilmer groß herauskommt. Dan Gilroys Regiedebüt inszeniert den Mythos des skrupellosen Reporters als packenden Thriller mit Anflügen tiefschwarzen Humors

Bewertung: 5
Leserbewertung
4.666665
4.7 (Stimmen: 3)

Ich weiß, dass die heutige Arbeitskultur nicht mehr auf jene Jobloyalität abzielt, die früheren Generationen noch versprochen werden konnte. Was ich glaube, Sir, ist, dass diejenigen auf gute Ergebnisse hoffen können, die sich richtig hineinknien in ihre Arbeit, und dass gute Menschen wie Sie, die die Spitze erreicht haben, nicht zufällig dort gelandet sind.« So erlesen formuliert der arbeitssuchende Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) ausgerechnet in einem Bewerbungsgespräch bei einem Schrotthändler. Daraus, dass er den Text im Internet gefunden und auswendig gelernt hat, macht er keinen Hehl. Auch dass er dem verdutzten Schrotthändler, um dessen Vertrauen in seine Anständigkeit als Arbeitnehmer er nun buhlt, eben noch ganz offensichtlich selbst gestohlenes Altmetall verhökert hat, scheint für ihn kein Widerspruch. »Mein Motto lautet: Wenn du im Lotto gewinnen willst, musst du erst das Geld für ein Ticket heranschaffen.«

Auf dem Highway wird Lou später Zeuge eines Autounfalls. Er beobachtet, wie ein Reporter (Bill Paxton) die Rettung des schwer verletzten Fahrers durch die Feuerwehr filmt, und sieht diese Aufnahmen am nächsten Morgen im Frühstücksfernsehen. Lou zählt eins und eins zusammen und kauft sich von dem Erlös eines gestohlenen Fahrrads eine kleine Videokamera. Fortan durchstreift er als »freischaffender Journalist« mit Polizeifunk im Ohr und einem schlecht bezahlten pakistanischen Praktikanten als Navigator das nächtliche Los Angeles. Er filmt Verkehrsunfälle, Mord und Raubüberfälle. Dabei zahlt sich besonders die Missachtung jeglicher ethischer Grundsätze bei seiner Berichterstattung aus. »Sie haben ein gutes Auge«, versichert ihm die Redakteurin ­(Rene Russo) der Morgennachrichten bei der Ansicht seiner blutigen Videobilder. Auf welchem Weg er an diese Aufnahmen gekommen ist, wird nicht hinterfragt.

Gerade seine eigenartige Kaltschnäuzigkeit, der Mangel an Empathie, macht Lou bald zum erfolgreichsten Bilderlieferanten für die Morgen-Show. Die kleine Videokamera in seiner Hand ist Entschuldigung genug, um mitten auf dem Highway anzuhalten und die eingekeilten Unfallopfer abzufilmen. Der ständige Blick auf den Sucher der Kamera distanziert Lou dabei so sehr von dem realen Geschehen, dass ihm eine Hilfeleistung gar nicht erst in den Sinn kommt. Eher schon hilft er im Sinne des »besseren« Bilds manchmal nach...

Als Zuschauer hat man zusehends Probleme mit dem von einem abgemagerten Jake Gyllenhaal gespielten Protagonisten. Der sonst so sympathische Schauspieler entpuppt sich als unangenehmer Sonderling mit fettigen Haaren ohne moralische Bedenken. Gyllenhaal stattet seine Figur mit einem entwaffnenden Pragmatismus aus, lässt aber auch dessen Einsamkeit und Sehnsucht nach Anerkennung durchschimmern. Diese zutiefst menschlichen Bedürfnisse sind es, die den kakerlakenhaften Nachtkrabbler trotz alledem als Identifikationsfigur auszeichnen. Lou beobachtet seine Umwelt sehr genau und liefert dem sensationshungrigen Medienbetrieb die geforderten drastischen Bilder, die hohe Einschaltquoten garantieren.

Nightcrawler ist eine Aufforderung an den Zuschauer zur Selbstreflexion über die eigene Schaulust. Das Regiedebüt des Drehbuchautors Dan Gilroy (Real Steel) wirkt wie ein Konglomerat aus Oliver Stones wilder Medienanklage Natural Born Killers und David Cronenbergs »auto-erotischem« Crash. Lou Bloom ist gewissermaßen auch eine moderne Reinkarnation von Taxi ­Driver Travis Bickle. Ein fehlgeleiteter und zielstrebig auf die Wand zurasender Drifter. Vieles in Nightcrawler scheint zynisch überhöht, ist aber bei näherer Betrachtung kaum übertrieben. Letztendlich erzählt der Film eine klassisch amerikanische Erfolgs­story. Nur eben mit einem erschreckend realen bitteren Beigeschmack.

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