Kritik zu La Buena Vida – Das gute Leben

© Camino

2014
Original-Titel: 
La Buena Vida – Das gute Leben
Filmstart in Deutschland: 
14.05.2015
Musik: 
L: 
97 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Der deutsche Filmemacher Jens Schanze (»Winterkinder«) hat eine »moderne« Landvertreibung in Kolumbien filmisch begleitet, wo ein Dorf dem Kohleabbau weichen musste

Bewertung: 3
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In Deutschland werden bald die letzten Kohleminen geschlossen. Doch die Riesenbagger sind weitergezogen in andere Kontinente und Länder. Zu den wichtigsten Lieferanten europäischer Kohlekraftwerke zählt zurzeit Kolumbien. Dort liegt im Nordosten des Landes (und im Kampfgebiet zwischen Militärs und der FARC-Guerilla) das Dorf Tamaquito, wo der multinationale Cerrejón-Konzern 500 Millionen Tonnen Kohle unter einem Flussbett abbauen will – so melden jedenfalls die im Film zum Transport von Sachinformationen mehrfach bemühten Radionachrichten.

Die über dreißig Familien des Dorfes, die meisten vom Volk der Wayúu, stehen kurz davor, nicht ganz freiwillig aus ihrem Wald in eine 30 km entfernte Siedlung aus Billighäusern am Straßenrand umzusiedeln. Die sind zwar mit technischem Komfort wie Herd und Sanitäranlagen ausgestattet. Doch das von den Umsiedlern nachdrücklich vertraglich eingeforderte Wasser fehlt – und damit die Lebensgrundlage für die bäuerlichen Bewohner und ihre Tiere und Pflanzen.

Der deutsche Filmemacher Jens Schanze (»Winterkinder«) hat diesen Prozess begleitet. Sein Film dokumentiert in sechs Kapiteln (Wachstum, Glück, Macht, Wettbewerb, Fortschritt, Wohlstand) ausgesuchte Momente des Umzugs, von den ersten Infoveranstaltungen bis hin zur Reise des Dorfsprechers Jairo zur Aktionärsversammlung des an der Cerrejón beteiligten Rohstoffgiganten Glencore in die Schweiz. Dort versucht der stoisch-störrische Mann – von den Konzernherren milde belächelt –, die gegebenen Zusagen öffentlich einzufordern. Dabei profitiert der visuelle Reichtum des Films von dem eindrücklichen Kontrast zwischen dem zivilisatorisch karg, doch mit Naturreichtümern üppig ausgestatteten Leben in der Natur und den tristen Neubauten, wo die mitgebrachten Bananenstauden und Hängematten wie Fremdkörper aus einer fernen Welt scheinen.

In der gab es sattgrünen Bergwald und Flüsse, wo Jagd auf Fische und Leguane gemacht wurde. Nur wenn auf dem Dorfplatz unter viel Gelächter davon erzählt wird, dass früher auch »viele Tiger« hier ihr Unwesen und die Menschen auf die Bäume trieben, weiß man nicht recht, ob das bewusste Veräppelung des Filmteams oder ein banaler Übersetzungsfehler ist. Böse Geister gibt es auf beiden Seiten. Doch während die traditionellen über Generationenreihen wirken, agiert das Kapital effektiv und schnell.

Erhellend sind die sozialtechnischen Maßnahmen von Konzern- und Staatsvertretern, die die Räumung bürokratisch korrekt (»Die Anwesenden bestätigen die Transparenz des Vorgangs nach den Standards der Weltbank«) und mit geballtem Einsatz von Verblödungs-Workshops und Euphemismen möglichst widerstandsfrei abwickeln wollen. Erstaunlich, dass in einer solchen Situation überhaupt Kameras dabei sein konnten. Dass einen der Film trotz vieler Einsichten nicht nur wegen der traurigen Sachlage unbefriedigt zurücklässt, liegt daran, dass das Ende mit der Schweizreise von Jairo für den inneren Erzählbogen viel zu früh kommt. Aber das ist ja fast ein Kompliment.

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