Kritik zu Her Private Hell
Style over substance: Sein erster Spielfilm in zehn Jahren zeigt Nicolas Winding Refn in gewohnter Form. Die Geschichte spielt in einer retrofuturistischen Hochhauswelt, in der ein Killer im Ledersuit Frauen mordet.
Spätestens seit »Only God Forgives« fragt man sich: Wie weit kann Nicolas Winding Refn das noch treiben? Dieses Kino der schweigsamen, ambivalenten Typen, die durch neonlicht- und blutgetränkte, bis ins kleinste Detail durchkomponierte Bildwelten laufen oder darin drapiert werden?
Der Däne kultiviert seine Marke NWR quer zu cineastischen Konventionen und zementiert einen Stil, der das Kino als subversiv- viszerales Ereignis feiert und in dem die Form den Inhalt bedingt, nicht umgekehrt. Ob das noch exzentrische Filmkunst oder schon aufgeblasener Nonsens ist, lässt sich nicht mehr beantworten – und genau darin liegt ein besonderer Reiz. Nach den Serien »Too Old To Die Young«, einem 13-Stunden- Monolith, und »Copenhagen Cowboy« sowie seiner heftigen Nahtoderfahrung aufgrund einer Herzerkrankung ist »Her Private Hell« Refns erster Kinofilm seit zehn Jahren. In Cannes hat er polarisiert wie kein zweiter Film, mit Ansage.
Während eine gewisse übernatürliche Note bei »Copenhagen Cowboy« eine Rolle spielte, verschiebt Refn die Handlung von »Her Private Hell« komplett in einen metaphorischen Raum mit eigener Mythologie. In einer retrofuturistisch-märchenhaften Hochhauswelt wabert ein Nebel durch die Straßenschluchten. »Du musst dir keine Sorgen um den Nebel machen, sondern um das, was er bringt«, heißt es in dem Film, in dem es von doppelbödigen, bedeutungsaufgeladenen Onelinern nur so wimmelt. Der Nebel bringt eine schaurig-schöne Kulisse und den Leatherman, einen Killer im Ledersuit mit diamantenbesetzten Handschuhen, der seine weiblichen Opfer am Brustkorb auseinanderreißt, buchstäblich.
Im Zentrum der Handlung, die sich mehr assoziativ denn dramaturgisch neben- und ineinanderschiebt, stehen zwei Vater- Tochter-Konstellationen. Da ist Elle (Sophie Thatcher), die mit einer Handvoll Frauen und ihrer fast gleichaltrigen Stiefmutter Dominique (Havana Rose Liu) in einem Hochhaus gewordenen Designerphantasma lebt und einen gewissen Papakomplex hat. Papa glänzt mit Abwesenheit und will das Verhältnis zwischen Tochter und Stiefmutter mit dem Dreh eines trashigen Science-Fiction- Films kitten. »Einen Film zu drehen, ist wie Krieg« – noch einer dieser Sätze. Parallel dazu schlägt sich der Soldat K. (Charles Melton) durch eine 50er-Jahre-Unterwelt auf der Suche nach seiner Tochter.
»Her Private Hell« ist eine audiovisuell überbordende, mit popkulturellen Referenzen und Metaphern angereicherte filmische Kunstinstallation samt opernhaftem Soundtrack von Pino Donaggio, die sich kaum mehr mit psychologischer oder narrativer Logik greifen lässt. In seinem mit dem Trash schwanger gehenden orgiastischen Unikum verhandelt Refn einmal mehr seine Fetische, seinen Hang zu Genre und Märchen – hier zu Hans Christian Andersens »Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern« –, zum Voyeurismus und dem Abseitigen. Das Zippo- Feuerzeug klackt cool im Halbdunkel, Leder knarzt, Frauen werden zerrissen und Augen ausgestochen. Doch hinter den brutal- stylischen Oberflächen eröffnet sich ein Raum für Reflexionen und Emotionen: ein selbstbewusst-schräges Kino neben vielem, was gemeinhin als Kino verstanden wird.









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