Kritik zu The Hateful Eight

Trailer deutsch © Universum Film

In der Langfassung drei Stunden inklusive Ouvertüre und Pause: Quentin Tarantino scheut in seinem achten Film keine Mühen, den Glamour von 70 mm und Western wieder auferstehen zu lassen

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 2)

Ein Brief von Abraham Lincoln ist die interessanteste Requisite in Quentin Tarantinos achtem (wie auch die Titelsequenz mit einer gewissen Großspurigkeit verkündet) Spielfilm »The Hateful Eight«. Der Brief fungiert als für Tarantino typische Finte: Wer im späten 19. Jahrhundert, einige Jahre nach Ende des Bürgerkriegs, mit einem Brief des Präsidenten in der Tasche durch den amerikanischen Westen reist, verfügt über eine beglaubigte Autorität, die einen gesetzestreuen Bürger weit bringen kann. Erst recht, wenn der Besitzer ein schwarzer Soldat ist, der sich im Befreiungskampf des Nordens gegen die Südstaaten einen Namen gemacht hat. Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) hütet diesen Brief wie einen Schatz, er weiß ihn aber auch strategisch klug einzusetzen. Die Brieffreundschaft mit dem Präsidenten ist seine Lebensversicherung. »Ein Schwarzer«, erklärt der Major seinen Mitreisenden, dem Kopfgeldjäger John »The Hangman« Ruth (Kurt Russell) und dessen Gefangener Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh mit einem höllisch blühenden Veilchen), »kann sich nur sicher fühlen, wenn die Weißen entwaffnet sind.«

So ein Brief ist allerdings auch eine bescheidene Requisite gemessen am technischen Aufwand, den Tarantino betrieben hat, um eine vergangene Epoche – des Kinos und der amerikanischen Geschichte – zu rekonstruieren. Auf 65-mm-Negativmaterial wurde »The Hateful Eight« gedreht, 100 70-mm-Kopien im ruhmreichen Panavision-Format von 2.76:1 (eine Art Super-Cinemascope) waren Weihnachten in einer historischen Roadshow-Version inklusive fünfminütiger Ouvertüre und zwölfminütiger Unterbrechung in ausgewählten US-Kinos unterwegs. 187 Minuten dauert die Langfassung. Und dennoch suggeriert »The Hateful Eight«, dass der Brief, dessen Echtheit im Film reichlich Anlass zu Spekulationen gibt, der eigentliche Grund für diese medienarchäologische Logistikleistung ist. Denn bloß ein weiteres Mal die historischen Kulissen des Westerns hochzufahren (selbst mit einem eigens von Ennio Morricone komponierten Soundtrack), wäre nach »Django Unchained« als alleinige Motivation vielleicht doch etwas dürftig. Der Lincoln-Brief ist vielmehr der Schlüssel zu »The Hateful Eight«, weil er auch etwas über die gegenwärtigen Gewaltverhältnisse in den USA erzählt. »Wenn die Nigger Angst haben«, formuliert es ein Südstaatler im charakteristischen Tarantino-Sound und hebt damit die Logik des präsidialen Briefes wieder auf, »ist der weiße Mann sicher.«

Tarantino verlagert den Wilden Westen in einen entlegenen Saloon, »Minnie’s Haberdashery«. Draußen tobt ein heftiger Schneesturm, drinnen haben sich die Protagonisten verbarrikadiert. Eine klassische Agatha-Christie-Situation, für Tarantino aber auch eine taugliche Amerika-Allegorie. Denn das murder mystery dient nur als vorgeschobene Kulisse. Tatsächlich geht es, wie eigentlich immer in Tarantinos jüngsten Filmen, um Gewaltverhältnisse. Also wird zunächst eine Demarkationslinie gezogen. Eine symbolische Mason-Dixon-Linie sozusagen quer durch den Saloon, die die rassistischen Südstaatler von den aufgeklärten Yankees mit ihrem schwarzen »Meisterdetektiv« trennt. Als da wären: ein britischer Edelmann (Tim Roth), ein wortkarger Cowboy (Michael Madsen), ein mexikanischer Hüne (Demián Bichir), ein Konföderiertengeneral a. D. (Bruce Dern), ein angehender Sheriff (Walton Goggins), gleichzeitig Sohn eines legendären Südstaatenrebellen, sowie die Mitreisenden des Majors, der »Hangman« und seine bounty.

Leider weiß Tarantino mit diesem reifen Setting im Laufe von fast drei Stunden erstaunlich wenig anzufangen. Seine Amerika-Allegorie, der er mit seiner Kritik an der rassistisch motivierten Polizeigewalt in den USA Nachdruck verlieh, verliert sich bereits während der ersten hundert Minuten in langwierigen Wortgefechten, denen der berühmte »Tarantino-Touch«, der noch die banalsten Dialoge zu populärphilosophischen Miniaturen adelt, gänzlich abgeht. Bezeichnenderweise kippt der Film just in dem Moment, als sich nach fast zwei Stunden Small Talk über das Wesen von law and order und den Selbsterhaltungstrieb der Zivilisation die hochkonzentrierte Suspense schließlich in Gewalt entlädt – die allerdings eher an den ironischen Grindhouse-Splatter eines Robert ­Rodriguez erinnert. Wirklich schmerzhaft ist eigentlich nur Jennifer Jason Leighs undankbare Doppelrolle als Kurt Russells persönlicher Punchingball und comic relief.

Alles in allem ist »The Hateful Eight« eine verschenkte Gelegenheit. Tarantino will das Westerngenre genauso wenig erneuern wie etwas Substanzielles zu den amerikanischen Verhältnissen sagen. Der Film erschöpft sich in formaler Virtuosität und im selbstreferenziellen Spiel mit Zitaten und Genretopoi. Somit erweist sich letztlich auch der Lincoln-Brief, obwohl prominent in Szene gesetzt, als bloßer Vorwand für resolute Gespräche unter Wildwestarchetypen und Alibi für eine politische Haltung.

Meinung zum Thema

Kommentare

Mein Tip,schauen Sie die 70 mm Fassung im Original,
ganz grosse Oper,zwar mit Laengen aber ohne fette
singende Frauen.

Das Problem bei der Beurteilung von Tarantino-Filmen scheint mir, dass mittlerweile sehr viel Erwartungen an den jeweiligen Film herangetragen werden, die dann natürlich mehr oder weniger enttäuscht werden. Die Kritiken, auch diese, haben im Kontext solcher Erwartungshaltungen recht, sind aber langweilig, da vorhersagbar. Und das war "The Hateful Eight" glücklicherweise nicht. Wer Tarantinos Statements verfolgt hat, weiß, dass es ihm diesmal gar nicht um ein politisches Statement ging, und man hat auch erfahren, warum er sich auf 70 mm eingelassen hat. In der "Roadshow-Fassung" hat sich mir der Film als lupenreiner cineastischer Genuss erschlossen, der keine Minute langweilig war. Die Spannung erwuchs dabei nicht aus "Lincolns Brief", der eine eigenwillige Pointe war.

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