Kritik zu Django Unchained

© Sony Pictures

Der Rächer im Sattel: Quentin Tarantino hat einen Western gedreht, italienisch inspiriert, aber mit amerikanischen Landschaften und amerikanischem Thema: Sklaverei

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Er hat mit der Nazibande auf seine Art abgerechnet. In seinem letzten Film »Inglourious Basterds« ließ Quentin Tarantino eine Gruppe jüdischer amerikanischer Soldaten die ganze Nazielite in einem Kino im besetzten Frankreich erschießen und in Flammen aufgehen. Eine Rachefantasie, die sich weder um historische Fakten noch um Wahrscheinlichkeit scherte. Und dieses Spiel mit der Geschichte und ihren Möglichkeiten treibt Tarantino in »Django Unchained« munter weiter.

Tarantino hat immer wieder das blutige asiatische Kino der 70er bis 90er Jahre und den Italowestern als seine beiden großen Inspirationsquellen benannt. Dem Ersteren hat der Filmemacher bereits mit der episch ausufernden »Kill Bill«-Saga seine Reverenz erwiesen, und in welchem Terrain »Django Unchained« wildert, machen schon die ersten Aufnahmen des Films mit ihren schnellen Zooms und dem von Robert Fia gesungenen Song deutlich: Den Song hat der Komponist Luis Bacalov für Sergio Corbuccis »Django« (1966) geschrieben. Nun kann man Zitate zuhauf in »Django Unchained« finden, aber aus Tarantinos neuem Film ist viel mehr geworden als eine Hommage an das Genre. Tarantino unternimmt mit dem Italowestern das, was dieser mit dem klassischen Western gemacht hat: Er stellt ihn vom Kopf auf die Füße.

Kein Western hat je die Sklaverei so zum Thema gemacht wie »Django Unchained«, so brutal, so nahegehend, so alptraumhaft. Es dürfte jedenfalls nicht von ungefähr kommen, dass jetzt, zusammen mit Spielbergs »Lincoln«, zwei Filme zu diesem Thema ins Kino kommen – im Film, anders als im TV, war Sklaverei eher ein Tabuthema. Denn die Gruppe von Menschen, die sich in den Zooms der ersten Einstellungen herausschält, besteht aus angeketteten Sklaven und den Rednecks, die sie gekauft haben. Sie treffen auf den Zahnarzt Dr. King Schultz (Christoph Waltz). Schultz befreit die Sklaven und nimmt einen von ihnen (Jamie Foxx) mit, weil der ihm die Brittles-Brüder identifizieren soll. Der deutschstämmige Schultz ist ein Kopfgeldjäger (wie so viele Helden in Italowestern) und verspricht dem Schwarzen nach dem Job die Freiheit. Zwei glorreiche Halunken – die nie lang wirkenden 165 Minuten des Films haben zwei Teile: Während die erste Hälfte, Djangos Initiation, ganz dem großartigen Christoph Waltz und seinem Parlieren gehört, steht in der zweiten Django im Zentrum. Und auch der Ton verändert sich: von der Ironie zum bitteren Ernst. Zu den witzigsten Sequenzen des Films gehört der Schabernack, den Tarantino mit den Ku-Klux-Klan Leuten um Big Daddy (Don Johnson) treibt, die über die falsch angebrachten Augenschlitze in ihren Kapuzen streiten – das könnte auch von Monty Python oder Mel Brooks sein.

Denn Django will nicht in einen der aufgeklärteren Teile des Landes wechseln, sondern zuerst seine Frau aus den Klauen des Sklavenhalters Calvin Candie befreien. Die heißt wiederum Broomhilda von Shaft, was natürlich voller Anspielungen ist, auf den Siegfried-Mythos, aber auch auf den Helden der bekanntesten Blaxploitation-Filme. Nicht weniger als 109 Mal, so hat ein amerikanischer Kritiker gezählt, fällt in diesem Film das Wort »Nigger«, jenes »N-Wort«, für das Tarantino von Spike Lee bei »Jacky Brown« soviel Schelte bezogen hat. Aber wenn Tarantino die staunenden Gesichter der Leute zeigt, wenn sie raunen: »Ein Nigger auf meinem Pferd«, dann zeigt das auch den Südstaatengeist des Jahres 1858, sieben Jahre bevor die Sklaverei, siehe »Lincoln«, abgeschafft wurde.

Für Broomhildas Befreiung hecken Schultz und Django einen Plan aus: Sie geben vor, in das Mandingo-Business einzusteigen, und wollen »Hildi« quasi im Nebenbei erwerben. Leonardo DiCaprio in seiner ersten Bösewichtrolle als Plantagenbesitzer ist die schauspielerische Entdeckung dieses Films, ein kultivierter, arroganter, satanischer und rassistischer Fiesling. Wenn Candie anhand eines Totenkopfs über die vermeintlichen Unterschiede im Hirn von Schwarzen und Weißen räsoniert, dann hat das eine ähnliche Brutalität wie Hans Landas Eröffnungsmonolog in »Inglourious Basterds«. Candie völlig ergeben ist der Majordomus, der 76-jährige Haussklave Stephen (Samuel L. Jackson), eine böse Replik auf die Mammys und Onkel Toms in Literatur und Film. Dieser Stephen wird den Plan durchschauen und verraten – aber Django wäre nicht Django, wenn er nicht blutig Rache nehmen würde.

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