Kritik zu Gran Torino

Trailer englisch © Warner Bros.

2008
Original-Titel: 
Gran Torino
Filmstart in Deutschland: 
05.03.2009
K: 
S: 
L: 
116 Min
FSK: 
12

Ein übel gelaunter alter Rassist inmitten einer asiatischen Nachbarschaft – das ist der Ausgangspunkt für Clint Eastwoods neuen Film, der komödiantisch beginnt, dann aber höchst dramatisch wird

Bewertung: 3
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Als Schauspieler könnte dies sein letzter Film sein, wollte der 78-jährige Clint Eastwood doch bereits nach Million Dollar Baby eigentlich nicht mehr vor der Kamera stehen. Jetzt ist er in Gran Torino noch einmal Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion und spielt eine Rolle, die deutlich auf seine berühmteste als Dirty Harry verweist. Leider ist die ganze Angelegenheit recht zwiespältig geraten.

Walt Kowalski hat einiges mit Harry Callahan gemein, vor allem seinen lockeren Umgang mit Waffen, die er stets griffbereit hält. Nach dem Tod seiner Frau verbringt der verbitterte alte Mann, ein Veteran des Koreakriegs, seine Zeit Bier trinkend auf der Veranda. Sein Haus ist längst die einzige Bastion inmitten von Feindesland, denn die asiatischen Einwanderer vom Volk der Hmong, die in seine Nachbarschaft gezogen sind, betrachtet Walt als Invasoren. Aber auch für seine Familie mit Yuppiesohn und bauchgepiercter Enkelin empfindet er Verachtung, ebenso für den wohlmeinenden Priester, eine »27-jährige, überausgebildete Jungfrau«. So grantelt und flucht er sich durch ein trostloses Restleben. Freude bereitet Walt nur sein 1972er Ford Gran Torino, ein Atavismus wie er selbst, den er pflegt, aber nicht fährt. Seine rassistischen Tiraden und seine schon groteske Engstirnigkeit schlagen satirische Funken. Und Eastwood überzeichnet die Rolle gerade in dem Maß, dass man Walt zugleich ärgerlich und sympathisch finden muss.

So funktionieren die ersten zwei Drittel des Films als entlarvende und mitreißende Komödie, etwa in den Szenen, in denen Walt sich regelrechte Verachtungs-Wettkämpfe mit der Hmong-Großmutter liefert, die als Walts Spiegelbild stets schlecht gelaunt auf der Nachbarveranda sitzt. Als der Nachbarjunge Thao aber versucht, seinen Gran Torino zu stehlen, stehen die Zeichen auf Eskalation: Walt schießt den Jungen beinahe über den Haufen. Und als die jugendliche Hmong-Gang, die Thao zum versuchten Diebstahl gezwungen hat, ihn auf Walts Grundstück verprügelt, verjagt Walt sie mit Gewehr im Anschlag. Urplötzlich ist Walt der Held der Nachbarschaft, denn er hat Thao vor den bösen Jungs gerettet. Die Hmong überhäufen ihn förmlich mit Geschenken, und vor allem Thaos Schwester Sue lässt sich von seiner Unfreundlichkeit nicht beirren und lädt ihn schließlich zu einem Fest in ihre Familie ein. Als Thao zur Wiedergutmachung für den versuchten Autoraub einige Tage für Walt arbeiten soll, freunden die beiden sich sogar an. Der aggressive Über-Macho Walt überwindet seine Vorurteile und wird zugänglicher; der unsichere Thao findet durch ihn zu Selbstvertrauen und Tatkraft – und lernt, zu fluchen wie ein echter Mann.

So weit, so gut, witzig und herzerwärmend. Doch dann zieht das Drehbuch den finsteren Seitenstrang der Handlung in den Vordergrund – die Auseinandersetzung mit der Jugendgang. Und hier enden die Differenzierungen. Der Film verwandelt sich in ein dunkles Drama, in dem der Humor immer mehr einer aufdringlichen Metaphorik weicht. Durch diese Konstruktionen gerät auch viel Vorangegangenes in ein merkwürdiges Zwielicht: »Dirty Walt« muss sich nun nicht nur mit den eigenen Kriegserinnerungen auseinandersetzen, sondern auch zum Retter der guten gegen die bösen Asiaten werden. Offenbar braucht es diesen starken weißen Mann alter Schule, um die schwachen Hmong zu amerikanisieren und zu protegieren. Und selbstverständlich sind die jungen Hmong- Gangster abgrundtief böse. Genau wie die schwarzen und Latinogangs, die ganz am Rande auch noch ihr Unwesen treiben dürfen, bedienen sie lediglich die üblichen Klischees.

Es wäre sicher völlig verfehlt, Clint Eastwood Rassismus vorzuwerfen, doch das Drehbuch von Nick Schenk bringt es fertig, zugunsten seiner Dramaturgie viele Vorurteile, die es vordergründig demontiert, durch die Hintertür wieder hineinzuschmuggeln. Oder ist das nur eine höhere Form postkolonialistischer Ironie? Ganz ironiefrei und höchst pathetisch ist jedenfalls das Finale, das Walt sogar noch einen Heiligenschein aufsetzt. Und je länger man über all die merkwürdigen Implikationen der Story nachdenkt, desto ferner rückt das Vergnügen, das der Film anfangs bereitet.

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