Kritik zu Gegen die Wand

© Timebandits Film

2004
Original-Titel: 
Gegen die Wand
Filmstart in Deutschland: 
11.03.2004
R: 
B: 
Musik: 
A: 
L: 
121 Min
FSK: 
12

Eine Liebesgeschichte im deutsch-türkischen Milieu

Bewertung: 4
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Fatih Akin, Jahrgang 1973, gab 1997 mit »Kurz und schmerzlos« sein Debüt. Es folgten »Im Juli« und »Solino«. Für die Liebesgeschichte »Gegen die Wand« bekam er den Goldenen Bären der Berlinale – zum ersten Mal seit 18 Jahren hat damit ein deutscher Regisseur die Trophäe gewonnen.

Manchmal gehorcht die Kunst ganz kreatürlichen Impulsen. "Dieser Film war lange in mir drin. Ich musste ihn mir ausdrücken wie einen Pickel", hat der deutsche Filmemacher und Berlinale-Sieger Fatih Akin über sein Erfolgswerk »Gegen die Wand« bemerkt. Die deutsche Kritik ließ diesen nicht gerade von Größenwahn zeugenden Vergleich allerdings nicht gelten, sie entdeckte Qualitäten in dem "kleinen, schmutzigen, rockigen Film" (Akin), die jenseits der Kunstbetrachtung lagen, ins Sozialutopische, wenn nicht Metaphysische vordrangen. "»Gegen die Wand«", schrieb zum Beispiel ein Berliner Rezensent, "wird das deutsche Kino verändern. Er wird das Selbstverständnis der türkischen Zwei-Millionen-Gemeinde in Deutschland verändern. Und er wird das Bewusstsein unseres Zusammenlebens verändern. Wie man vermuten darf: zum Guten." "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner machte das Maß voll. Er sah dank Fatih Akin eine Vereinigung ganz besonderer Art am Horizont: "Sie machen uns Deutsche und Türken zu einem Land."

Plötzlich tauchten in Berichten über Akins Bären-Gewinner Fragen auf wie: Was wird der Film in türkischen Familien verändern? Wie wird sich der Blick der Türkei auf ihre Landsleute in Deutschland verändern? »Gegen die Wand« wird es schwer haben, die durch Superlative intensiv stimulierten Erwartungen der Zuschauer zu erfüllen. Der Film beginnt mit der Begegnung eines Mannes und einer Frau und mit den Worten: "Verschwinde, Maren." – "Fick dich, Wichser." Willkommen im Akin-Universum, wo es immer nach Alkohol und kaltem Rauch stinkt, wo die Bierdosen auf dem Boden liegen und das dreckige Geschirr sich in der Spüle türmt. Wo sie saufen und koksen, sich prügeln und beinahe abstechen, wenn sie nicht gerade versuchen, sich umzubringen. »Gegen die Wand« ist, jenseits des dargestellten deutsch-türkischen Milieus, vor allem eine Liebesgeschichte. Es ist die, naturgemäß verrückte, mit bürgerlichen Maßstäben nicht fassbare Liebe zwischen Sibel (Sibel Kekilli) und Cahit (Birol Ünel), zwischen "beauty and the beast". Sie lernen sich in der Psychiatrie kennen und beschließen zu heiraten, statt sich, wie geplant, aber nicht erfolgreich ausgeführt, das Leben zu nehmen. Cahit, dem sich in ein Parallel-Universum saufenden Verlierer, ist die Ehe egal; Sibel betrachtet sie als Vorwand, um von zu Hause wegzukommen und zu schlafen, mit wem sie will. Es ist schon komisch, wie der innerlich abgestorbene Cahit in die traditionsbewusste türkisch-deutsche Familie der jungen Frau eingeführt wird. Aus der Konfrontation des alles andere als wertkonservativen, provozierenden Losers mit den scheinheiligen Brüdern Sibels schöpft der Film seine Komik und leise humane Botschaft: Steckt eure Kinder nicht in die Zwangsjacke der Konvention.

Da Akin, dessen Vorbilder Scorsese und Cassavetes sind, aber immer den größtmöglichen Effekt, Rock'n'Roll in Bildern, will, schickt er seine psychisch dafür ja prädestinierten Figuren auf einen selbstzerstörerischen Trip. Als Cahit erkennt und ausruft: "Ich bin verliebt!", zerschlägt er zwei Gläser und zerschneidet sich die Hände. Selten war die Liebe solch eine Höllenmacht, selten hat ein Film das mit so plakativer Ausdruckskraft behauptet. Aus der Gemengelage aus Liebe und Eifersucht, Verzweiflung und Gewalt erlöst die beiden erst eine Katastrophe.

Die Kamera entlässt den Zuschauer selten aus der Welt aus Flüchen und Dreck. Zum Ausgleich verfolgt sie mit verliebtem Blick die schöne Sibel Kekilli. Die muss viel bluten und unendlich leiden, erhebt sich aber doch immer wieder engelsgleich über das Schicksal. Kekillis Figur besitzt am Ende eine Stärke, die aus Verzweiflung und Todesnähe erwachsen ist. Als sie, vor der Familie nach Istanbul geflohen, erkennt, dass ihre Existenz in Scherben liegt, beschimpft sie dreist und mit vorhersehbaren Folgen drei Männer auf der Straße. Die bringen sie fast um, und es ist allein Sibel Kekilli zu verdanken, dass inmitten der von Akin mit Liebe zum Detail inszenierten Blut-Orgie Spuren von Poesie überleben. Kekillis Sibel transzendiert die äußeren Effekte, sie ist in diesem Moment eine Frau, die nur im Tod Ruhe zu finden hofft. Allein mit dieser Szene hat sich Sibel Kekilli in der ersten Liga deutscher Schauspiel-Kunst etabliert.

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