Kritik zu Es war einmal Indianerland

© Camino

2016
Original-Titel: 
Es war einmal Indianerland
Filmstart in Deutschland: 
19.10.2017
B: 
A: 
L: 
97 Min
FSK: 
12

Schriller Musikclip, träumerisches Märchen, Roadmovie und Coming-of-Age-­Geschichte – mit seiner Verfilmung des Romans von Nils Mohl schafft Ilker Çatak ein ganz eigenes Genre

Bewertung: 4
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Manchmal hilft ein Filmtitel bei der Orientierung, selbst wenn er etwas kryptisch daherkommt wie im Fall von Ilker Çataks »Es war einmal Indianerland«. Orientierung braucht der Zuschauer insbesondere, wenn die ersten zehn Minuten einem rasanten Videoclip ähneln, in dem während einer nächtlichen illegalen Poolparty im städtischen Schwimmbad zu hämmernden Beats und grellem Licht vor- und zurückgespult wird – mal in Zeitraffer, mal in Zeitlupe. Wenn dann der Prinz am nächsten Tag einen golden (Turn-)Schuh aus dem Mülleimer fischt und der Angebeteten zurückbringt, ist Zeit zum Aufatmen und zur Besinnung auf das Märchen.

Der Prinz, das ist in »Indianerland« der 17-jährige Mauser (Leonard Scheicher) aus der heruntergekommenen Hochhaussiedlung. Sein Vater (Clemens Schick) lebt mit seiner zweiten Frau zwei Stockwerke über ihm und interessiert sich mal mehr, mal weniger für seinen Sohn. Die Angebetete ist Jackie (Emilia Schüle), die Göre aus dem Villenviertel. Und dann ist da noch die 21-jährige Edda (Johanna Polley), die in einem knallbunten Süßigkeitenladen ar­beitet, gerade in die benachbarte Laubensiedlung gezogen ist und Wildschweine mag. Mit großer Brille, bravem Pony, ruhig und ein wenig lakonisch ist sie das krasse Gegenteil zur überdrehten Jackie, die sich selbst als »eitel, zickig und unkeusch« beschreibt. Das alles klingt etwas wirr, ist es auch. Zumal immer mal wieder ein Indianer (Robert Alan Packard) auftaucht, den aber nur Mauser zu sehen scheint.

Regisseur Çatak, Gewinner des Max-Ophüls-Preises und ausgezeichnet mit einem Studenten-Oscar für »Sadakat«, spielt mit den Bildern und mit harten Szenenwechseln – manchmal ein bisschen zu offensichtlich. Auf der einen Seite ist da die triste Hochhaussiedlung mit einem verwahrlosten Parkdeck, mit Kunstledergarnituren und Plastikstühlen, auf denen sich kleinkriminelle Halbwüchsige lümmeln. Auf der anderen die stilvolle Jugendstilvilla, in der Jackie lebt und jugendliche Hippies sich tummeln. Bunte Klamotten, riesige Sonnenbrillen, viel Glitter und viel Drogen: Sie wollen zu einem Festival irgendwo an der Grenze aufbrechen.

War es am Anfang Jackie, die Mauser ­verzauberte, entpuppt sich Edda nach und nach als die Märchenprinzessin, das Aschenputtel: Sie schreibt geheimnisvolle Post­karten an Mauser, lebt in einer verwunschenen Laube und ist bereit, ihn mit ihrem knallroten uralten Käfer zu dem Festival zu fahren, auf dem er auch seinen Vater wähnt. Mauser, der normalerweise nicht einmal Alkohol trinkt, kommt dabei auf einen derartigen Drogentrip, dass gar nicht mehr auszumachen ist, was tatsächlich passiert und was sich nur in seinem Kopf abspielt.

Der Film solle ein wilder Trip werden, eine psychedelische Reise, hatte Çatak während der Dreharbeiten gesagt. Eine Reise, die man nicht versuchen sollte zu kontrollieren. Das ist ihm gelungen und hilft, den Film zu erfassen. Den Titel hat er übrigens der Romanvorlage von Nils Mohl zu verdanken, der auch an dem Drehbuch mitschrieb.

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