Kritik zu Ein Tag wie kein anderer

© Temperclayfilm

2016
Original-Titel: 
Shavua ve Yom
Filmstart in Deutschland: 
11.05.2017
Musik: 
L: 
98 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Weinen und lachen: Der israelische Regisseur Asaph Polonsky erzählt in seinem Spielfilmdebüt mit den Mitteln der Groteske von der Trauer eines Vaters um seinen Sohn

Bewertung: 3
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Das jüdische Trauerritual sieht eine siebentägige Shiva vor, während der Verwandte und Freunde den Hinterbliebenen in deren Haus zur Seite stehen. »Ein Tag wie kein anderer« setzt am letzten Tag dieser Shiva ein. Eyal (Shai Avivi) und Vicky (Evgenia Dodina) haben ihren Sohn beerdigt, der nach langer schwerer Krankheit in jungen Jahren gestorben ist. Die beiden scheinen erleichtert, als die Gäste nach einer Woche wieder gehen. Eyal bleibt im Sessel sitzen, als sie sich verabschieden, und die Kamera macht sich auch nicht die Mühe, die Gesichter der Besucher in den Bildausschnitt zu rücken. Die Essensreste landen in einem Müllsack. Der Tisch wird an seinen alten Platz gerückt. Die Nachbarn, die mit einer Salatschüssel einen Tag zu spät heranrücken, werden schnell wieder hinauskomplimentiert. Die Eltern des Verstorbenen hatten sich vorgenommen, so schnell wie möglich in den Alltag zurückzukehren. Aber während Vicky am Morgen zur Arbeit aufbricht, dreht Eyal an der Bordsteinkante um und geht zurück ins Haus.

Eyal verweigert sich der Routine, deren heilende Kräfte in solchen Situationen oft beschworen werden. Er fährt ins Hospiz auf der Suche nach der bunt gemusterten Decke seines Sohnes und kehrt mit einem Päckchen medizinischem Marihuana zurück. Alle laienhaften Versuche, einen Joint zu drehen, scheitern kläglich. Deshalb holt sich Eyal fachkundige Hilfe beim Sohn des Nachbarn, Zooler (Tomer Kapon) ein. Der Mittzwanziger schlägt sich als Sushi-Lieferant durch, wohnt noch bei den Eltern und scheint sich mit dem Erwachsenendasein wenig vertraut gemacht zu haben. Für Eyal ist ein Einfaltspinsel wie Zooler genau die richtige Medizin.

Unter regelmäßiger THC-Zufuhr hängen die beiden Männer miteinander ab. Während Eyal sich in äußerlichem Stoizismus übt, turnt Zooler in einer grotesken Performance durch das Haus und trainiert seine Fähigkeiten für einen Luftgitarrenwettbewerb. Direkt daneben gibt es in der an Stimmungswechseln reichen Komödie kurze Szenen zärtlicher Besinnlichkeit. Wenn Zooler im Bett des verstorbenen Sohnes einschläft, sich zunächst Eyal und später auch Vicky in embryonaler Schlafposition daneben legen, ist das eine der wenigen Szenen, in denen das Paar im Verlustschmerz vereint ist.

Die »Vermischung des Traumatischen mit dem Absurden« hat sich der israelische Regisseur Asaph Polonsky für sein Spielfilmdebüt ins Programm geschrieben. Das Vorhaben birgt die Gefahr, dass so manche Humoreinlage auf der Leinwand verpufft. Aber auch das scheint zur Lebenssituation des hilflos Trauernden zu passen, der sich gegenüber seinen Mitmenschen ständig im Ton vergreift und danach in sich zusammen fällt, um sich wenig später mit plötzlicher Aggression wieder aufzurichten. »Ein Tag wie kein anderer« begreift den Prozess des Trauerns als emotionalen Ausnahmezustand, in dem Betroffene wie Flipperkugeln durch den Raum schießen, der einmal ihr Leben war. Und damit kommt der Film der Essenz des traumatischen Verlustgefühles wahrscheinlich näher, als es manch konsequent tragische Herangehensweise vermag.

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