Kritik zu Das ist unser Land!

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Vom Mitgefühl zum Populismus: In seinem neuen Spielfilm zeichnet der Franzose Lucas Belvaux das Porträt einer am Vorbild des Front National angelegten Partei und schildert die Verführungsmacht ihrer Parolen und vermeintlichen Botschaften

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Die Zeiten rassistischer Positionen und Parolen sind vorbei. Das versichert der distinguierte Arzt Dr. Berthier der Krankenpflegerin Pauline Duhez. Zudem erklärt er ihr, dass die alten Gegensätze von Rechts und Links längst überholt seien. Die Lager, die sich einst klar voneinander scheiden ließen, gebe es so nicht mehr. Heute gehe es alleine um Frankreich und seine Bevölkerung. Und um die sei es nicht gut bestellt. Das weiß die alleinerziehende Mutter zweier Kinder nur zu genau. Schließlich sind die meisten ihrer Patienten entweder alte Menschen, die auf sich allein gestellt fast wie Gefangene in ihren Wohnungen leben, oder Immigranten und deren Kinder, die kaum eine Chance haben, jemals aus den tristen Wohnblöcken am Rande der Stadt herauszukommen.

Jahrelang hat die von Émilie Dequenne gespielte Pauline mit angesehen, wie die Lage immer auswegloser geworden ist. Nun eröffnet ihr der wortgewandte Dr. Berthier eine Alternative. Sie soll in die Politik gehen und für den RNP, den »Rassemblement National Populaire«, bei den Kommunalwahlen antreten. Als Bürgermeisterin könnte sie den Menschen, deren Nöte und Ängste ihr so vertraut sind, ganz direkt helfen. Die eher fatalistisch gestimmte Krankenschwester zögert dennoch. Schließlich ist der RNP die neue Partei von Agnès Dorgelle (Catherine Jacob), deren Vater Jahrzehnte zuvor den extrem rechten Bloc Patriotique gegründet hat. Aber diese Einwände lässt Berthier (André Dussollier) nicht gelten. Er umwirbt Pauline, macht ihr Hoffnungen und setzt sie zugleich subtil unter Druck. Als sie der charismatischen Parteivorsitzenden begegnet, erliegt die Krankenschwester den Versprechungen der sich moderat gebenden Rechten.

Natürlich erzählt »Das ist unser Land!« vom Front National und seiner Vorsitzenden Marine Le Pen, die den rechtsextremen Ideen und Programmen ihres Vaters Jean-Marie Le Pen einen populistischen Anstrich verpasst hat. Die Vorbilder für den RNP und seine Gründerin sind also schnell benannt, dennoch nutzen Lucas Belvaux und sein Kodrehbuchautor Jérôme Leroy, der schon in seinem Roman »Der Block« ein nur leicht verschlüsseltes Bild vom Aufstieg des Front National gezeichnet hat, die Nähe von Fiktion und Wirklichkeit nicht für simple Agitation.

Anders als in seinem Roman, der in aller Deutlichkeit von politischen Morden und den (neo-)faschistischen Tendenzen des »Patriotischen Blocks« erzählt, hält sich Leroy in »Das ist unser Land!« sogar ein wenig zurück. Er und Lucas Belvaux nähern sich mit Pauline den nationalistischen und populistischen Bewegungen unserer Zeit von außen an. Und gerade dadurch offenbart sich das enorme Verführungspotenzial von Parteien wie dem RNP. In einem Département wie Pas-de-Calais, das einst eine blühende Industrieregion war und nun unter steigenden Arbeitslosenzahlen leidet, fällt es leicht, blind für die tiefdunklen Seiten einer populistischen Partei zu sein.

Émilie Dequennes aufrechte und vor allem mitfühlende Krankenschwester lässt sich zwar wie eine Marionette manipulieren. Aber trotzdem ist Pauline nicht naiv. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben für sich wie für die gesamte Bevölkerung ihrer Heimatstadt ist einfach stärker als ihre Zweifel und Befürchtungen. Und genau darauf setzt Dr. Berthier, der einmal Euro­pa-Abgeordneter war. André Dussolliers Porträt dieses Faschisten, der es versteht, sich als Biedermann in Szene zu setzen, erzählt dabei alles, was es über Parteien wie den Front National zu sagen gibt. Dussolliers Berthier trägt seine Maske als Freund des Volkes und der Menschen mit einer Selbstverständlichkeit, die einem schon fast Bewunderung abringt. Nur in den Szenen mit Stanko, dem früheren Schläger der Partei, offenbart sich sein wahres Naturell. Die Gewalt und der Hass, der Rassismus und die Ideen der Nationalsozialisten und Faschisten der 1930er und -40er Jahre, sind in »Das ist unser Land!« immer präsent, aber unterschwellig. Und das macht Belvaux’ und ­Leroys politisches Kino umso eindrucksvoller.

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