Kritik zu Café Ta'amon, King-George-Street, Jerusalem

© GM Films

2013
Original-Titel: 
Café Ta'amon, King-George-Street, Jerusalem
Filmstart in Deutschland: 
14.05.2015
V: 
L: 
90 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Golda Meir hat hier Kaffee getrunken, die radikale Linke Proteste geplant und immer wurde heiß diskutiert: Michael Teutsch porträtiert eine Jerusalemer Institution

Bewertung: 3
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Die gesellschaftliche Wirkung eines Cafés darf nicht unterschätzt werden. Wie die populäre Anekdote belegt, in der ein österreichischer Politiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auf die Möglichkeit einer Revolution in Russland angesprochen, gesagt haben soll: »Wer soll denn schon Revolution machen? Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central?« Bekanntlich machte Herr Bronstein, unter dem Pseudonym Trotzki, dann tatsächlich Revolution, wie auch ein anderer Stammgast der Wiener Cafés, Herr Uljanow alias Lenin. Verglichen mit dem Café Central ist das Jerusalemer Café Ta’amon mit seinen sieben Tischchen zwar eher eine Imbissstube, aber an Geschichtsträchtigkeit steht man in nichts nach. Unter anderem sollen hier, in der King-George-Street, schon Golda Meir, Menachem Begin, Itzhak Rabin und auch Shimon Peres Kaffee getrunken haben. Doch wie porträtiert man so etwas in einem Dokumentarfilm?

Der deutsche Filmemacher und Kameramann Michael Teutsch beginnt auf klassische Weise: Er begibt sich an den Ort und filmt erstmal. Da sieht man dann dieses kleine, völlig unscheinbare Café, in dem vor allem alte Leute herumzusitzen scheinen. Es kann an der Tageszeit liegen, auch ist die King-George-Street in diesem Abschnitt nicht besonders geschäftig. Den deutschen Filmemacher bemerkend, beginnen einige der Gäste auf Deutsch zu sprechen, und schon ist er da, der Atem der Geschichte. Dabei will Teutsch gar nicht auf eine besondere deutsch-jüdische Tradition hinaus – das Café Ta’amon wurde 1936 von jüdisch-deutschen Emigranten gegründet und ist damit zehn Jahre älter als der Staat Israel selbst –, ihm kommt es auf den besonderen Geist dieses Ortes an. 1960 hat Mordechai Kopp das Café übernommen. Ihn, der nun Mitte 80 ist, und seine Frau filmt Teutsch dabei, wie sie noch heute unermüdlich die Gäste versorgen. Unterstützt werden sie dabei von Hamis, einem schwarzen Muslim, der hier schon seit 30 Jahren kocht. Bevor er im Ta’amon angefangen hat, hat er für ein paar Jahre in Deutschland gelebt. Auf die Frage, wie das so war, antwortet er mit einem heiteren: Es war gut und schlecht. Ob die Deutschen immer noch so gegen Ausländer seien?

Es sind kleine Stellen wie diese, die an Teutschs Dokumentarfilm besonders beeindrucken, das Festhalten eines Augenzwinkerns oder wie bei seinen Zeitzeugen im Prozess des Erinnerns alte Leidenschaften hochkommen. Im Ta’amon haben sich Gruppen der verschiedensten politischen Strömungen getroffen, aber den größten Teil seines Films räumt Teutsch den Vertretern der radikalen Linken ein, den Mitgliedern der israelischen Black-Panther- und der Matzpen-Bewegung, die Ende der 60er Jahre von hier aus ihren Protest gegen die israelische Besatzung von Ostjerusalem und dem Westjordanland organisierten. Sie alle erinnern sich an ihre Zeit im Café, aber nie sprechen sie über das, was getrunken und gegessen wurde, stets geht es um das, worüber diskutiert wurde. Was daraus entsteht, ist ein faszinierendes Mosaik einer Diskussionskultur – schöner und gehaltvoller kann man ein Café eigentlich nicht porträtieren.

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