Kritik zu Bonne Nuit Papa

© Drop-Out Cinema

2014
Original-Titel: 
Bonne Nuit Papa
Filmstart in Deutschland: 
29.01.2015
R: 
B: 
Musik: 
L: 
90 Min
FSK: 
6

Marina Kem, Tochter eines in die DDR exilierten Kambodschaners, erkundet dokumentarisch dessen Schicksal und damit eine unausgesprochene Geschichte

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Die Frage nach ihrem asiatischen Aussehen machte Marina Kem immer wütend. Sie sei in Deutschland, Ost, aufgewachsen, erklärte sie kurz angebunden. Wenn jemand mehr wissen wollte, brach sie den Kontakt ab. Sie wusste selbst nichts über ihre Herkunft und ihre Wurzeln. Ihren Vater konnte sie nicht fragen, denn der hat schon vor langer Zeit aufgehört zu reden. Ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm über ihn ist der Versuch, etwas Unausgesprochenes zur Sprache zu bringen. Dabei zieht sie an einem Faden, der unversehens immer neue Fäden und Verzweigungen hervorbringt. Gemeinsam mit ihren beiden Schwestern sichtet sie zunächst den Nachlass des nach 43 Jahren in Deutschland gestorbenen Kambodschaners. Nur wenige Zeugnisse ließ er zurück: »Er war mit so wenig Gepäck durchs Leben gereist, als hätte er jederzeit einen Marschbefehl erhalten können.«

Die geschliffene Sprache der Filmemacherin, so erfahren wir nach und nach, ist ein Erbe des Vaters, der als Sohn eines strengen Schulmeisters zum Lesen angehalten wurde. In seiner auf Deutsch verfassten Prosa spricht Marinas Vater über sich selbst in der dritten Person, schwermütige, poetische Schilderungen eines Exildaseins. Zusammen mit den zahlreichen Fotos, die der Vater hinterließ, verwebt sich das väterliche Schreiben mit den Kommentaren der Filmemacherin zu einer feinsinnigen Textur. Gespräche mit seiner geschiedenen Frau und den wenigen Freunden, die der introvertierte Mann hatte, geben derweil ungewohnte Einblicke in seinen DDR-Alltag.

Als junger Mann erhielt Ottara Kem ein Stipendium für ein Studium in der damaligen DDR. Mit 31 Jahren wollte der fertig studierte Ingenieur schließlich zurück in seine Heimat – doch inzwischen hatte hier das Massenmorden begonnen. Mit ihrer Reise nach Kambodscha, wo sich 2015 zum 40. Mal die Machtergreifung der Roten Khmer jährt, erweitert Marina Kem die Perspektive des Films in überraschender Weise. Wie ihre dortigen Verwandten wohl den Terror des Pol-Pot-Regimes verarbeitet haben? »Ich habe ihm ins Gesicht gelächelt«, sagt ein Cousin der Filmemacherin über einen seiner ehemaligen Peiniger aus dem Foltergefängnis, dem er in einem Nachbardorf wieder begegnete. Diese unerwartete Großherzigkeit, die so gar nicht nach der auswendig gelernten Phrase eines Gutmenschen klingt, ist überwältigend.

Zwischen den Zeilen wird allmählich klarer, warum Marinas Vater so schweigsam war. Die Wiedervereinigung, die Fachkräfte aus der Ex-DDR überflüssig machte, gab dem Melancholiker schließlich den Rest. Mit ihrer sensiblen Ergründung einer gebrochenen Biografie spannt Marina Kem einen faszinierenden Bogen zwischen West und Ost sowie zwischen zwei Diktaturen. Und auf subtile Weise sagt sie ihrem Vater mit den einzigen französischen Worten, die er ihr beibrachte, Lebewohl: »Bonne nuit papa«. Ein kleines filmisches Juwel.

Meinung zum Thema

Kommentare

Habe den Film eben auf Arte gesehen. Hat mir gut gefallen. Eine Frage hätte ich allerdings dazu. Wie kam es, dass man1965 in Kambodscha ein Stipendium für die DDR bekommen konnte? Kambodscha war damals ja nicht kommunistisch. Leider konnte ich auch in den Texten nichts dazu finden. Vielleicht können Sie mir da weiterhelfen.
Mit freundlichen Grüßen
Helmut Schiestl

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