Kritik zu Babai

Trailer OV © Heretic Outreach

Visar Morinas bereits vielfach preisgekröntes Spielfilmdebüt erzählt mit großer Stilsicherheit eine Geschichte aus den 90er Jahren, die kaum aktueller sein könnte

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4 (Stimmen: 1)

Die politische Lage wird nicht erklärt, sie bildet eine Art Hintergrundrauschen dieser geradlinig und doch lückenhaft erzählten Geschichte. Panzer patroullieren durch die Straßen, Polizisten demütigen einen am Boden liegenden Mann, bei Kontrollen scheint die Willkür das einzig Verlässliche. Schlaglichtartig bebildert »Babai« (»Vater«) die Lage im Kosovo der 90er Jahre, vor Beginn des Krieges. Dort leben der zehnjährige Nori und sein Vater Gesim vom Straßenverkauf von Zigaretten. So karg die Verhältnisse sind, so leer geräumt wirken viele Bilder, in die Visar Morina, gebürtiger Kosovare und Absolvent der Kunsthochschule Köln, seine Geschichte fasst.

Nori akzeptiert nicht, dass sein Vater ohne ihn nach Deutschland gehen will, er versucht, ihn aufzuhalten, wirft sich sogar vor den Reisebus, der mit dem Vater Richtung Grenze losfährt. Doch auch sein Krankenhausaufenthalt verhindert nicht, dass Gesim bei der nächsten Gelegenheit verschwindet. Nori, zurückgelassen beim autoritären Onkel, setzt alles daran, ihm zu folgen. Auf eigene Faust macht er sich auf den Weg nach Westen, reist als blinder Passagier im Gepäckraum eines Busses nach Montenegro und übersteht eine dramatische Fahrt nach Italien im Boot eines brutalen Schleppers.

Doch niemand in »Babai« ist nur gut oder nur böse. Der Vater, die Verwandtschaft und die Menschen, denen Nori auf seinem Weg begegnet, sind ambivalent gezeichnet – auch Nori selbst, der für seine Reise Geld stiehlt, das der Onkel lange für die Hochzeit seines Sohnes angespart hat. Denn Geld, das ist in »Babai« wechselweise das Öl und der Sand im Getriebe des Lebens. Visar spielt die Konflikte zwischen den Figuren nur selten aus, auch das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird mehr in Aktionen denn in Worten deutlich. Auf die Frage etwa, wo Noris Mutter abgeblieben sei, verweigert nicht nur Gesim eine Antwort, auch der Film lässt das Rätsel ungelöst. Und ähnlich reduziert wie Narration und Dialoge ist auch die Musik. Bisweilen erzeugen nur einzelne dumpfe Schläge eine beklemmende Spannung.

Visar Morina gelingt mit diesen Mitteln Bemerkenswertes: Über Atmosphäre und sehr prägnante Bilder, gespiegelt in der Mimik seines starken kleinen Hauptdarstellers, erzählt er seine Geschichte auf mehreren Ebenen zugleich: So konkret sich die schwierige Vater-Sohn-Beziehung entfaltet und entwickelt, mit Momenten blanker Wut bis inniger Zärtlichkeit, so allgemeingültig erscheint die Schilderung der unerträglichen Zustände im Heimatland und der Flucht nach Deutschland. Kosovo vor 20 Jahren kann für so manches Land stehen, aus dem heute Migranten aufbrechen, das Deutschland der Flüchtlingsheime und der Bürokratie ist ebenfalls in so geschickten Skizzen eingefangen, dass es vollkommen zeitlos wirkt. Der Kristallisationspunkt all dieser Motive ist das Gefühl der Ohnmacht angesichts übermächtiger Umstände – verkörpert in dem kleinen Jungen, der mit all seiner Kraft gegen sie ankämpft. Dass der Film dabei in aller Stille einen so beachtlichen Sog entwickelt, das verdankt er seiner undramatischen und vor allem gänzlich unsentimentalen Haltung.

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