Kritik zu 90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden

© Camino

2016
Original-Titel: 
90 minutes war
Filmstart in Deutschland: 
30.06.2016
Musik: 
L: 
85 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Fußball soll die Lösung bringen: Eyal Halfon stellt in seiner Politsatire den israelisch-palästinensischen Konflikt von einem sportlich-utopischen
Ende her nach

Bewertung: 4
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Wenn sie nicht gerade in Korruptionsskandale verwickelt sind, reden die internationalen Fußball-Verwaltungsinstitutionen ja gerne vom Effekt der Völkerverständigung, der der von ihnen ausgebeuteten Sportart innewohne. Und es stimmt ja auch, dass es bei Welt- und Europameisterschaften für die Dauer des Turniers meist recht bunt und harmonisch zugeht. Von Dauer aber ist der Frieden selten, also zäumt Eyal Halfon in seiner Politsatire »90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden« das Pferd von hinten auf: Ein Fußballspiel der Nationalmannschaften Israels und der palästinensischen Gebiete soll ein für alle Mal darüber entscheiden, wer im umkämpften gelobten Land bleiben darf. Anstatt sich immer weiter gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, die Zukunft der Kinder zu zerstören und die Seelen der Menschen mit Hass und Wut zu vergiften, wird der Zankapfel kurzerhand zum Preis eines Spiels erklärt. Die Durchschlagung des gordischen Knotens! Wieso ist da eigentlich nicht schon viel früher jemand darauf gekommen? Ja, das klingt erstmal nicht schlecht, aber…

Und eben dieses »aber…« wird nun von Halfon in Form seiner hurtig zwischen den Schauplätzen respektive mannigfachen Konfliktzonen wechselnden Dokumentation der Spielvorbereitungen gründlich erforscht und umfassend dargestellt. Während also die Israelis den Mannschaftsbus der Palästinenser an jedem Checkpoint ausbremsen, holen diese sich einen Torschützenkönig der Bundesliga durch einen geheimen Versorgungstunnel ins Land. Ein arabisch-stämmiger, israelischer Nationalspieler erleidet eine Identitätskrise und bald darauf eine erlösende Knöchelverletzung. Die Suche nach einem Schiedsrichter, der keine Ahnung vom israelisch-palästinensischen Konflikt hat, gestaltet sich außerordentlich schwierig. Nebenher wird der Frage nachgegangen, wohin das Verlierervolk auswandern könnte. Und dass die israelische Nationalmannschaft von einem Deutschen trainiert wird, macht es auch nicht leichter. In der Rolle des Herrn Müller verkündet Cameo-König Detlev Buck, ausgestattet mit Günter-Netzer-Frisur und fußballerischer Unbedarftheit, er sei Sportler und kein Politiker, bis ihm beim Besuch einer Holocaust-Gedenkstätte die Unmöglichkeit seiner Position aufgeht. Einmal mehr blickt daraufhin der Direktor der israelischen Nationalmannschaft in den Abgrund.

Die Chefs der jeweiligen Teams werden von Moshe Ivgy und Norman Issa verkörpert, zwei in Israel hoch angesehenen Schauspielern – in Casablanca geborener Jude der eine, mit einer Jüdin verheirateter Palästinenser der andere –, die beide in der Arbeit für eine friedliche Koexistenz ihrer Völker engagiert sind. Und so bilden denn auch Ivgys und Issas Darstellungen das Herz des Films: Zwei Männer, die unter der Last der Verantwortung alsbald zusammenzubrechen drohen, denen der Angstschweiß auf der Stirne steht und das Sodbrennen zu schaffen macht. Zwei Männer, die sich gegenseitig immer wieder fast an die Gurgel gehen, und die dann doch den entscheidenden Schritt aufeinander zu machen. Einer muss ja schließlich damit anfangen….

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