Meister der Brummigkeit

Tommy Lee Jones zeigt in Cannes seinen neuen Western "The Homesman"

Acht von achtzehn Filmen des Wettbewerbs in Cannes sind bereits gelaufen und das bedeutet, dass mutig erste Bilanzen geschrieben werden. Noch fallen sie im Urteil allerdings sehr unterschiedlich aus, von "dieses Jahr ganz besonders dünn" bis zu "dieses Jahr ganz besonders stark". Die Filme, die für so ein Urteil eigentlich entscheidend sind, kommen allerdings noch: sei es Cronenberg, Assayas, Dolan oder die Dardennes, der Rest des Programms besteht im Grunde nur noch aus Filmen, die mit großen Erwartungen verbunden sind.       

Interessanter Weise gilt das nicht für Tommy Lee Jones zweiter Kinoregie nach The Three Burials of Melquiades Estrada. Kaum jemand, der sich auf Jones’ neuen Western The Homesman nicht einfach nur gefreut hätte. Nein, man erwartet nichts Großes von Jones, nicht die Neuerfindung des Genres und nicht die ultimative Wendung im Cannes-Wettbewerb. Im Gegenteil, es wäre geradezu verstörend, wenn Jones sich in dieser Weise auf einmal als kompliziert erweisen würde. Denn man liebt an ihm ja die Geradlinigkeit, das Konservative, das Straighte, wie man heute sagt. Und der "Meister der Brummigkeit" weiß zu liefern. Sein neuer Western, diesmal ein richtiger 19.-Jahrhundert-Western, der in den territories spielt, hat alles, was das Herz begehrt: die Landschaft, die Gemächlichkeit, das Duell von weiblicher Rechtschaffenheit und männlicher Verkommenheit und die perfekte Mischung aus trockenem Humor und Sentimentalität. Ja, wirklich.

Nur weil es hier einmal Frauen und Frauenprobleme die Handlung in Gang setzen, ist die Etikettierung von The Homesman als feministischem Western doch etwas übertrieben. Zwar steht am Anfang Hilary Swanks Figur der Mary Bee Cuddy im Zentrum, eine nicht mehr ganz junge, unverheiratete Siedlerin in besagten territories. Cuddy soll hässlich sein, so sehr, dass sie auch im unter akutem Frauenmangel leidenden Westen keinen Mann findet. Hinzukommt ihr herrisches Wesen und eine Autonomie, die sie offenbar zum sozialen Außenseiter macht, aber für die Aufgabe, die getan werden muss, als die geeignetste qualifiziert. Drei Frauen (Miranda Otto, Grace Gummer, Sonja Richter) sind verrückt geworden von der Überforderung und den Schicksalsschlägen des Pionierinnendaseins. Sie müssen nun nach Iowa gefahren werden, um adequate Versorgung zu finden. Als Cuddy  gerade aufbrechen will, kreuzt ein alter, zwielichtiger Westerner ihren Weg, der von Jones gespielte Briggs. Sie tut ihm einen großen Gefallen und erpresst sich seine Dienste. In nie ganz wohlig werdender Gemeinschaft mit den drei Verrückten machen sie sich auf den Weg.

Bei der Darstellung der Unerbittlichkeit und Härte des Alltags jenseits der frontier ist Jones vielleicht nicht konsequent genug. Er kann gewissermaßen der rauen Schönheit seiner Landschaft nicht widerstehen. Ähnlich ergeht es dem Zuschauer mit seiner Figur: obwohl Jones den kantig-brummigen Witz seines mit allen Wassern gewaschenen Abenteurers auf ein Mindestmaß reduziert, ist es selbstverständlich sein Weg von Gleichgültigkeit zur Fürsorge, der bewegt. Aber Jones gelingt es trotzdem, den gängigen Vorhersehbarkeit auszuweichen. The Homesman ist das Gegenteil einer Enttäuschung, was sich nach einem matten Lob anhört, aber doch viel umfassender gemeint ist. Das Gegenteil von Frust darf nicht unterschätzt werden.

Leichte Enttäuschung dagegen bei Alice Rohrwachers Wonders/Le Meraviglie. Mit ihrem zweiten Film ist die italienische Regisseurin eine der wenigen Neuzugänge und eine der zwei Frauen des diesjährigen  Wettbewerbs. Nach der Filmvorführung meinte jemand bösartig einen erneuten Beweis für Thierry Frémaux’ ominöse Praxis gesehen zu haben, wenn überhaupt Filme von Frauen, dann deren schlechteste in den Wettbewerb zu nehmen. Das wird Rohrwacher nicht wirklich gerecht. Wonders ist ein Coming-of-age-Film, der in einer ärmlichen Landkommune mitten in Italien spielt. Erzählt wird aus der Perspektive der ältesten Tochter, die, obwohl selbst noch ein Kind, zwischen überforderter Mutter und forderndem Vater navigieren muss. Wunderbar nah an den Protagonisten gefilmt, mit viel Sinn fürs bäuerliche Detail, insbesondere der Imkerei, erfüllt Wonders vielleicht nicht die Erwartungen auf das zentrale Wunder des Festivals, sorgt aber für einen positiven Ausschlag in Richtung "starker Wettbewerb".

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