Das fliegende Auge

Ist es ein Vogel? Ist es Superman?

Nein. Es ist eine Kameradrohne. Die werden schon länger bei Industrie-oder Sportfilmen eingesetzt. Und zunehmend auch von Hollywood genutzt, um ungewöhnliche ­Einstellungen in Blockbustern herzustellen – wie jetzt im neuen Avengers-Film Age of Ultron

Die Avengers kommen ihrer Clubsatzung zufolge nur zusammen, wenn es einen Schurken zu bekämpfen gilt, den ein Superheld alleine nicht meistern kann. Beim Titelschurken des neuesten Films Avengers: Age of Ultron scheint das der Fall zu sein. Der Film folgt nicht ganz der origin story aus den Comics, was Ultrons Entstehung angeht – dort war es der im Juli ins Kino fliegende Ant-Man Hank Pym, der den Roboter baut. Stattdessen ist Iron Man Tony Stark (Robert Downey Jr.) jetzt Ultrons Erschaffer, doch die prometheische Geschichte ist dieselbe: Bevor Ultron zur Bedrohung wird, sollte er Iron Man eigentlich mal Arbeit abnehmen und gemeinsam mit einer Armee kleinerer Roboter selbstständig die Welt retten. Die ultimative Superheldendrohne.

»Avengers: Age of Ultron« (2015) © Disney/Marvel

Fast schon ironisch, dass die für Comicfilme mittlerweile üblichen Szenen der großräumigen Zerstörung amerikanischer Großstadtstraßenzüge vielleicht teilweise von einem Vorgänger Ultrons gefilmt wurden. Drohnen, die mit einer Kamera am Bauch aufsteigen und die Welt aus der Vogelperspektive filmen, sind in den vergangenen zwei Jahren an Filmsets zu regelmäßigen Besuchern geworden. Anfangs vor allem für Dokus und Industriefilme beliebt, kommen die fliegenden Roboter inzwischen auch immer häufiger bei Spielfilmen und Fernsehserien wie »Game of Thrones« zum Einsatz. In einem Erklärvideo im Netz nennt ein Kameramann die nach der Anzahl ihrer Rotoren auch gerne »Quadrocopter« oder »Octocopter« genannten Geräte die wichtigste Entwicklung im Bereich der Kamerahandhabung seit der Steadycam. Das ist nicht übertrieben. Wenn man interessante Bilder schaffen will, geht es schließlich immer auch darum, die Kamera auf eine ungewohnte Art zu bewegen. Das mit Gegengewichten für Stabilität sorgende Gestell der Steadycam ermöglichte in den 80er Jahren erstmals lange, flüssige Kamerabewegungen durch Flure und Treppenhäuser – ganz ohne Schienen. Mit ferngesteuerten Drohnen lassen sich heute ähnlich souveräne Durchquerungen des Raums auf einer ungewohnten Höhe filmen – zu hoch für einen Kamerakran und zu niedrig für einen Helikopter. Vorbei an Hochhausfronten und hinweg über Darstellerköpfe.

»AIR8« (bis 5kg)  © Airborne Robotics GmbH

Fabian Werba bietet seit zwei Jahren mit seiner Firma Fiwafly seine Dienste als Drohnenpilot im Raum Berlin-Brandenburg an, oft für Werbefilme, aber auch mal für einen »Polizeiruf«. Er kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als Produktionsfirmen bei ihm anriefen und unbedingt mit Drohnen drehen wollten, auch wenn es noch gar keine Filmidee gab. »Inzwischen hat sich die Spreu aber vom Weizen getrennt«, meint Werba. Regisseure und Produzenten wüssten jetzt, was sie wollen, und würden die Technik gezielt einsetzen, um den neuartigen Blickwinkel zu nutzen. Es kommt hinzu, dass ein Drohneneinsatz deutlich günstiger ist als das Anmieten eines Helikopters.

Werba bezeichnet sich selbst als konservativ, wenn es darum geht, wie abenteuerlustig er mit seinem »unbemannten Luftfahrzeug«, so der Fachausdruck, umgeht, aber eigentlich hat er auch gar keine große Wahl. Die Luftverkehrsordnung regelt in Deutschland sehr genau, was erlaubt ist. Wer eine Drohne fliegen möchte, braucht eine Genehmigung der Luftfahrtbehörde – in großen Städten sogar für jeden einzelnen Einsatz. Auch der Eigentümer des Grundstücks, über das die Drohne fliegt, muss einwilligen. Fliegen ohne Sichtkontakt? Nicht erlaubt. In der Nähe von Flughäfen, Atomkraftwerken oder Regierungsgebäuden? Verboten. Höher als hundert Meter oder schneller als 50 Stundenkilometer? Keine Chance.

Ziv Marom am Set von »Expendables 3«  © Zm Interactive

In den USA wurde die Arbeit mit Drohnen an Filmsets überhaupt erst letzten September im größeren Stil möglich gemacht. The Expendables 3 konnte die Fluggeräte für mehrere ­Sequenzen nur nutzen, weil der Film zu großen Teilen in Bulgarien entstand. Die geplanten 38 Helikopterdrehtage konnten so auf zehn reduziert werden.

Obwohl die fliegenden Kameraroboter auf dem besten Weg sind, Standardausstattung zu werden, ist der Argwohn in der Bevölkerung weiterhin groß. Fabian Werba hatte schon die Polizei zu Besuch, nachdem sein Octocopter in Berlin etwas näher an ein paar Fassaden entlanggeflogen war. Die Angst davor, dass eine Drohne abstürzt und Menschen verletzt, ist mindestens ebenso groß wie die Befürchtung, ausspioniert zu werden. Drohnenpilot Max Ruppert, der gemeinsam mit Werba im Blog »Volle Drohnung« die Entwicklungen verfolgt, gibt aber zumindest in dieser Hinsicht vorerst Entwarnung. Moderne Kameradrohnen haben Akkus, die für zehn bis 15 Minuten Flugzeit reichen, und ihre Rotoren sind tierisch laut. »Eben mal so unbemerkt ans Schlafzimmerfenster ranfliegen geht also nicht«, meint er.

Doch Drohnen sind nicht nur unter Profis beliebt. Auch immer mehr Hobbyfilmer klemmen eine kleine Kamera wie die für Extremsportaufnahmen entwickelte zigarettenschachtelgroße GoPro an einen wenige Hundert Euro kostenden Quadrocopter und fliegen damit umher. Obwohl er selbst Drohnen fliegt, wünscht sich ein Profi wie Werba hier mehr Regulierung: »Nicht jeder ist sich seiner Verantwortung bewusst«, sagt er.

DJI Phantom mit einer montierten GoPro-Kamera © AP

In der Szene gibt es immer wieder neue Entwicklungen, insbesondere im Bereich Automatisierung. Drohnen, die sich mit Hilfe von Sendern auf ein Ziel, etwa den durch die Prärie bretternden Mountainbiker, ausrichten und diesen automatisch verfolgen. Drohnen, die selbstständig aufsteigen und landen, per GPS feste Routen abfliegen und zum Beispiel in der Landwirtschaft zur Kontrolle von Feldern eingesetzt werden. Sichtbrillen, die Kameraleuten erlauben, den Blickwinkel der Drohne wie einen Virtual-Reality-Flugsimulator direkt vor Augen zu haben. Da ist der gedankliche Weg nicht mehr weit zu Amazons Lieferkoptern oder, noch schlimmer, den »Reaper«-Drohnen der US-Armee, die im Nahen Osten Gebäude bombardieren, während ihre Piloten auf der anderen Seite der Welt in einem Kon­trollraum sitzen.

Welche Chancen für atemberaubende Aufnahmen die neue Technik allerdings mit sich bringt, zeigen zahlreiche Beispiele, die es bereits heute gibt und die alle noch das gewisse, ungewohnte Etwas haben. Von der Eröffnungsszene in Skyfall, in der Daniel Craig, dicht gefolgt von einer Drohne, einen Schurken über die Dächer des Großen Basars in Istanbul jagt, bis zum Musikvideo »I Won’t Let You Down« der Band OK Go, in der ein Copter zunächst auf Kniehöhe einen Weg entlangfliegt, um dann plötzlich in den Himmel zu steigen, und eine Schar von Tänzern aus der direkten Draufsicht dabei zu filmen, wie sie im Busby-Berkeley-Stil mandalaähnliche Muster erzeugen. Wir sollten die kurze Zeit also genießen, in der die Drohnen noch nicht eigenmächtig über Richtig und Falsch entscheiden wollen wie Ultron, sondern uns einfach nur zu tollen Bildern verhelfen.

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