Filmfestival San Sebastian: Die verlorenen Kinder

»Plac Zabaw« (Playground, 2016)

»Plac Zabaw« (Playground, 2016)

Der Wettbewerb des 64. Filmfestivals von Donostia – San Sebastian

Am Ende steht ein Mord. Brutal und lange. Die Kamera zeigt ihn zwar weit entfernt, aber in aller Ausführlichkeit: zwei Jungs bringen ein dreijähriges Kind um, schlagen auf es ein, treten es, werfen einen großen Stein auf den Kleinen. »Plac zabaw« (Playground) von Bartosz M. Kowalski aus Polen war so etwas wie der Skandalfilm im durchaus hochkarätigen Wettbewerb des diesjährigen Festivals von San Sebastian: viele Zuschauer verließen unter Protest den Saal, es gab Buhrufe, aber auch großen Applaus nach dem Film. Kowalski schildert in seinem Erstling einen Nachmittag der Gewalt: Es ist der letzte Schultag vor den Sommerferien, zuerst quälen die Jungs ein Mädchen in einer Industrieruine, dann entführen sie das Kind in einer Shoppingmall. Ein Nachmittag der Gewalt: Vorbild war ein realer ähnlicher Mordfall 1993 in Liverpool. Kowalski vermeidet jede Erklärung und Psychologie, schildert diesen Nachmittag mit einem kalten und distanzierten Blick, der an große Vorbilder wie In »Cold Blood« erinnert.

»Eiðurinn« (The Oath, 2016). © Lilja Jonsdottir for RVK Studios

»Playground« war der kontroverseste Beitrag einer ganzen Reihe von Filmen im Wettbewerb, die sich mit Jugendlichen beschäftigen, Filme, die in eine den Erwachsenen ganz fremde Welt eintauchen, die beschreiben, wie Eltern ihre Kinder nicht mehr verstehen. Es waren Filme, die oft in Gewalt endeten. In »Eidurinn« (The Oath) von Baltasar Kormákur (Island) bekommt ein Vater mit, wie seine Tochter unter dem Einfluss ihres Freundes, eines Drogendealers, drogensüchtig wird. Und sich seinem Einfluss vollkommen entzieht. Ist dieser Film aus der Perspektive des Vaters erzählt, spielen in »Jesús« von Fernando Guzzoni, der in Santiago, Chile situiert ist, Erwachsene kaum eine Rolle. Der 18-jährige Jesús dämmert durch den Tag, übt mit seinen Freunden für eine Boy Group, schnüffelt Lösungsmittel, hängt ab. Vollkommen zugedröhnt, schlagen er und seine Freunde im Stadtpark einen genauso zugedröhnten Jugendlichen zusammen, der im Krankenhaus stirbt.

»American Pastoral« (2016). © Richard Foreman Jr.

Der prominenteste Film dieser kleinen Reihe war sicherlich »American Pastoral«, das Regiedebüt des Schauspielers Ewan McGregor, seine Verfilmung des preisgekrönten Romans von Philip Roth. Mit einem langen epischen Atem erzählt der Film, wie die von McGregor verkörperte Hauptfigur, ein Handschuhfabrikant, den alle »The Swede« nennen, seine Tochter Ende der sechziger Jahre an den Terrorismus verliert. Es ist der Zusammenbruch der idyllischen Welt einer Familie, die bei New York auf dem Land lebt. Politisch wie ästhetisch eher konservativ erzählt, beschreibt der Film auch das Unverständnis und Scheitern des Vaters, der seiner Tochter nachspürt.

»American Pastoral« (2016). © Richard Foreman Jr.

Ewan McGregor und Jennifer Connelly, die in »American Pastoral« die Mutter spielt, gehörten zu den Stargästen des Festivals, das noch mit, unter anderen, Sigourney Weaver und Ethan Hawke (die die Ehrenpreise des Festvals erhielten), Richard Gere, der »Time Out of Mind« begleitete, und Joseph Gordon-Levitt (Oliver Stones »Snowden«) für Glamour sorgte. Thematisch passten die Filme um Jugendgewalt auch zur Retrospektive »The Act of Killing«, in der das Festival – fünf Jahre, nachdem die ETA ihren Verzicht auf Gewalt erklärte – sich mit Terrorismus, Massenmord und der Verletzung von Menschenrechten auseinandersetzte; zu den 32 Beiträgen zählte auch der deutsche Film »Die innere Sicherheit« von Christian Petzold.

»Wo Bu Shi Pan Jinlian« (I Am Not Madame Bovary, 2016)

Der Preissegen des Festivals ging allerdings an den Filmen über die verlorenen Kinder völlig vorbei. Die »Goldene Muschel«, der  Hauptpreis des Festivals, ging an den chinesischen Beitrag »I Am Not Madame Bovary« von Feng Xiaogang, in dem eine Restaurantbesitzerin zehn Jahre lang für ihre – zweite – Scheidung kämpft und damit bis nach Peking zieht. Es ist eine Mischung aus Bürokratensatire und dem Psychogramm eines weiblichen Michael Kohlhaas, die aber merkwürdig zahnlos daher kommt. Mehr Sprengstoff bot da schon der spanische »El hombre de las mil caras« (Smoke And Mirrors), dessen Hauptdarsteller Eduard Fernández als bester Darsteller geehrt wurde. Fernández verkörpert eine der zwielichtigsten Figuren der jüngeren spanischen Geschichte: den Waffenhändler, Geheimagenten und Lebemann Francisco Paesa. Er versteckt 1994 den korrupten Chef der Guardia Civil, Luis Roldán, der sich aus öffentlichen Mitteln für den Kampf gegen die ETA bereicherte – und bringt schließlich dessen ganzes Vermögen an sich. Womit er letzten Endes die ganze spanische Staatsmacht vorführt. Wollte man die Handlung dieses Films, einer der besten des diesjährigen Festivals, detailliert nacherzählen, käme wahrscheinlich ein ganzes Buch heraus, aber der atemlos erzählte Thriller fasziniert durch seine Einblicke in das Spanien der späten Transitionszeit nach Francos Tod.

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