Venedig 2015: Der Abstieg ist das Problem

Über den Eröffnungsfilm »Everest« (Baltasar Kormákur)

Das 72. Filmfestival von Venedig eröffnet mit dem Bergdrama »Everest« und vermag damit zum Auftakt nicht an die große Tradition der letzten Jahre anzuschließen

Von allen Tragödien, die sich bereits am Everest, dem höchsten Berg der Welt abgespielt haben, ist das die berühmteste: Am 10. Mai 1996 versuchten drei verschiedene Expeditionen gleichzeitig den Gipfel zu erreichen. Zwei Tage später waren fünf Menschen tot und mehrere schwer verletzt. Alle anderen waren nur knapp davongekommen. So scharf wie nie stellte sich danach die Frage nach Verantwortung und Schuld. War es der Sturm, der zu früh einsetzte? War es der Gipfelwahn, der die Menschen zu weit getrieben hatte? Oder hatten die Bergführer gar aus kommerziellen Interessen heraus falsch gehandelt? Der Journalist Jon Krakauer gehörte zu den Expeditionsteilnehmern. In seinem Buch "In eisige Höhen", das zum weltweiten Bestseller wurde, legte er auf packende und eindringliche Weise Zeugnis ab. Seine Version der Ereignisse bleib nicht unwidersprochen: BIs heute folgten vier weitere Überlebende mit eigenen Büchern.

© Universal Pictures

Der Film »Everest«, mit dem das 72. Filmfestival von Venedig nun am Mittwoch sein Programm eröffnete, will sich auf keine der Seiten schlagen. Hier soll die Tragödie an sich im Zentrum stehen, dem Kinozuschauer nahegebracht durch ein Star-Ensemble, in dem Jake Gyllenhaal (»Zodiac«) und Jason Clarke (»Zero Dark Thirty«) die legendären Expeditionsführer Scott Fisher und Rob Hall verkörpern, mit Josh Brolin (»No Country For Old Men«), Sam Worthington (»Avatar«) und Michael Kelly (»House of Cards«), letzterer in der Rolle Krakauers, im Schlepptau. Regie führte der Isländer Baltasar Kormákur, der sich mit der Verfilmung einer anderen dramatischen Überlebensgeschichte »The Deep« (2012) für das Projekt empfohlen hatte.

Anders als das Hollywood-Ensemble vielleicht erwarten lässt, liefert »Everest« keine dramatisierte oder gar fiktionalisierte Version der Ereignisse. Im Gegenteil, fast dokumentarisch hält sich der Film an die etablierte Abfolge von vielen kleinen Missgeschicken und einigen größeren Fehlentscheidungen, die in der unglücklichen Verkettung schließlich zur Katastrophe führten. Kormákur drehte unter anderem in Katmandu und am Base Camp des Everest, im Wesentlichen aber musste ein 2500-Meter-hoher Gletscher im Trentino für das Dach der Welt einstehen. Seine Spannung will der Film ganz aus der Dramatik des Überlebenskampfs gewinnen, wenn Sturm, Sauerstoffmangel und schwindende Kräfte die Bergsteiger in der Todeszone über 8000 Meter an den Rand bringt.

Das gelingt »Everest« aber leider nur bedingt. Gerade der Anspruch, die Wirklichkeit nicht zu verfälschen, bringt Probleme der Inszenierung mit sich. So bleibt etwa zu wenig Zeit, um die Figuren, um deren Überleben der Zuschauer bangen soll, wirklich vorzustellen. Am Berg sind sie bald, eingewickelt in Anoraks, Mützen und Sauerstoffmasken, kaum mehr voneinander zu unterscheiden. Das menschliche Drama, das Krakauers Buch so packend machte, jene Auseinandersetzung um Ego, Schuld und die Frage des richtigen Handens, kann Kormákur in seinem auf Action getrimmten Film nicht hervorbringen. Um Emotionalität zu schaffen, verlässt er sich statt dessen auf die konventionelle Lösung, das Leiden in den Gesichtern der wartenden Frauen zu spiegeln: Robin Wright in Texas, Keira Knightley in Neuseeland und Emily Watson im Basecamp müssen dafür mit ihrem geballten Schauspieltalent herhalten.

Es ist auch ein Abstieg für das Filmfestival von Venedig, das damit nicht an die Tradition seiner großen Eröffnungsfilme anschließen kann. Mit »Gravity« 2013 und »Birdman« 2014 hatte das Festival Filme am Start, die den ganzen Herbst und Winter bis zur Oscarverleihung hin das Gespräch bestimmten. »Everest« aber wird sicher sein Publikum finden, aber nicht zum Kinoereignis werden. Rekordbergsteiger Reinhold Meßner, der die Dreharbeiten in Südtirol besucht hat, mag Recht haben mit seiner Vorab-Analyse: Man könne den Everest nicht auf einer Skipiste nachstellen. Es fehle die wichtigste Figur in diesem Drama: der Berg selbst.

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Kommentare

So etwas wie einen "Abstieg mit Verklärung", wie ihn noch die Alpensinfonie von Richard Strauss musikalisch versinnlichte, werden wir wohl im heutigen Film, der nur noch äußerlich auf Eventspektakel setzt, vergeblich suchen...

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