Kritik zu Where to Invade Next

© Falcom Media

2015
Original-Titel: 
Where to Invade Next
Filmstart in Deutschland: 
25.02.2016
L: 
110 Min
FSK: 
12

Michael Moore erforscht, was die Europäer besser machen als die Amis. Und erweist sich einmal mehr als unterhaltsamer Schwarz-Weiß-Maler

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Vordergründig bleibt sich Michael Moore auch in seinem neuen Film treu. Wie üblich ist der Mann mit der unvermeidlichen Basecap eher Selbstdarsteller als Beobachter, eher Komiker als Koryphäe, eher Enfant terrible als sachlicher Chronist. Und seine Methode ist näher an der Komposition als an der Dokumentation, näher am Agitprop als am nüchternen Diskurs. Moore geht nicht in die Welt hinaus, um Entdeckungen zu machen und Erkenntnisse zu gewinnen. Vielmehr sammelt er Bilder und Statements, um seinen Standpunkt zu untermauern und seine Botschaft zu illustrieren. Er liebt die plakative Überhöhung und die sarkastische Zuspitzung, und mehr noch als aufklären will er unterhalten: ein investigativer Clown, immer auf der Suche nach dem nächsten Gag.

Am Anfang von »Where to Invade Next« unterstreicht er diese Haltung mit einem kräftigen Augenzwinkern. Da reiht er Bilder aus all den Kriegen aneinander, die die Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg verloren haben, blendet die Konterfeis der aktuellen US-Militärführer ein und behauptet frech aus dem Off, die Generäle hätten einfach nicht mehr weitergewusst und deshalb ihn, Michael Moore, als Berater ins Pentagon bestellt, um dem Land aus der Patsche zu helfen. Und der Filmemacher, ganz vorbildlicher Patriot, nimmt die Mission an: Die Stars & Stripes unterm Arm, sticht er, das will zumindest die betont großspurige Montage glauben machen, per Flugzeugträger in See, um die nächste Invasion erfolgreicher zu gestalten.

Nachdem Moore über Jahrzehnte hinweg die Missstände im eigenen Land angeprangert hat, vom Waffenwahn übers marode Gesundheitssystem bis zu den Auswüchsen der Bankenkrise, richtet er den Blick diesmal also aufs Ausland, genauer gesagt auf Europa, mit einem kurzen Abstecher nach Nordafrika. Seine Strategie folgt dabei erwartungsgemäß keiner militärischen, sondern einer dramaturgischen Konzeption: In jedem Land will er Ideen und Errungenschaften »erobern«, die den USA aus der Krise helfen könnten. So betritt er nicht nur geografisches Neuland, sondern findet auch eine komplett neue Erzählperspektive. Denn Moore kommt nicht als besserwisserischer Ankläger, sondern als betont naiver Besucher, der von seinen Gastgebern belehrt werden möchte. Er will niemanden überführen, sondern selbst verführt werden.

Das beginnt gleich bei der ersten Station. Im sonnendurchfluteten Italien, findet ­Moore, sehen alle Menschen so aus, als hätten sie gerade Sex gehabt. Kein Wunder, bei solchen Sozialleistungen: Urlaub ohne Ende für die Angestellten, bezahlter Mutterschutz, großzügige Mittagspausen und Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern ein gutes Leben gönnen. In Frankreich konzentriert sich Moore auf die Ernährung in den Schulen, und zwar nicht in den teuren Eliteinternaten, sondern in den ganz gewöhnlichen staatlichen Schulen. Und da läuft ihm das Wasser im Munde zusammen: Vier Gänge mit gesundem, ausgewogenem Essen bekommen die Pennäler kredenzt. In Slowenien trifft er den Staatspräsidenten und erfährt, dass studieren nichts kostet. In Norwegen staunt er über den liberalen Strafvollzug, in Portugal über das fehlende Drogenverbot, in Island über die Frauenpower und in Finnland über das ganzheitliche Schulkonzept. Und was macht uns Deutsche aus? Die fairen Arbeitsbedingungen. Das tolle Gesundheitssystem. Und, wer hätte es gedacht, unser reifer Umgang mit der Nazivergangenheit. Na ja.

Spätestens da wird deutlich, dass Moore sich keineswegs auf einer vom Zufall diktierten Entdeckungstour befindet. Seine Ziele sind ganz bewusst so ausgewählt, dass sie jeweils als ideale (und idealisierte) Gegenentwürfe für den US-amerikanischen Status quo funktionieren – ein didaktisches Cherrypicking, das weniger auf akkurate Darstellung aus ist als auf eine (vergnügliche) Lektion. Am Ende ist »Where to Invade Next« eben doch ein Film für und über die folks back home, simpel und emotional, aber auch stark und eindringlich.

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