Kritik zu Violette

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Fünf Jahre nach Séraphine beweist Regisseur Martin Provost erneut Talent als einfühlsamer Porträtist einer verkannten Künstlerin. Die Biografie
der Schriftstellerin Violette Leduc ist eher Schauspieler- als Ausstattungskino

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2 (Stimmen: 1)

Warum nur wird dieses Leben in Kapiteln erzählt? Auch wenn die Antwort naheliegt, darf man diese Frage stellen. Gewiss, es handelt sich um das Leben einer Schriftstellerin. Da ist eine solche Ordnung nicht abwegig. Aber das Leben der Violette Leduc verlief nicht geordnet, es kannte keine vorläufigen Schlusspunkte, wie sie ein Kapitelende setzt. Seine Tragik erfüllte sich vielmehr im Scheitern der Ablösung, der Unmöglichkeit der Vernarbung.

Dennoch ist diese Strukturierung eine kluge Entscheidung, da die Kapitel nach Lebensbegegnungen benannt sind, die Violette (Emmanuelle Devos) prägten: mit einer Folge von Männern, die Violettes Liebe nicht erwidern konnten, weil sie homosexuell waren; mit Simone de Beauvoir (Sandrine Kiberlain), die ihre wichtigste, loyalste Förderin wurde, sie aber ebenfalls auf Distanz hielt; ein späteres Kapitel schließlich ist ihrer Mutter gewidmet, an deren emotionaler Zurückweisung zu verzweifeln die Tochter nie aufhören konnte. Es ist kein Defilee der Lebensabschnitte, das Martin Provost präsentiert, sondern eine Chronik der Hingabe und der vergeudeten Hoffnungen.

Sein Zentrum geht dem Film dabei nie verloren. Devos verleiht der Französin, die die Konventionen der Literatur und der Geschlechterverhältnisse in den 40er bis 60er Jahren kühn unterlief, große innere Leuchtkraft. Violette führt ein ungeschütztes Seelenleben. Die religiöse Inbrunst, die der Malerin Séraphine de Senlis in Provosts preisgekröntem Film Séraphine noch Robustheit gab, steht ihr nicht zu Gebot. Dennoch kann die Schriftstellerin, deren bescheidene Herkunft sie nicht zwangsläufig für diesen Beruf empfiehlt, tief aus ihrem Inneren schöpfen. Ihr bleibt keine Wahl, Ermutigung erfährt sie nur sporadisch, Anerkennung und Ruhm erntet sie erst spät. Provost beklagt das als Akt gesellschaftlicher Gewalt.

Aber seine Violette ist nicht bloß eine Frau, der Dinge widerfahren. Sie stellt unerbittliche, zerstörerische Forderungen ans Leben. Es braucht Kraft, die Welt unausgesetzt vor den Kopf zu stoßen. Devos spürt, dass Violette für sich einstehen kann. Als die Autorin ihren ersten Roman für Kritiker signieren soll, zeichnet sie stattdessen eine weibliche Scham hinein. Das entspringt keiner Lust an der Provokation, sondern einem instinktiven Begreifen des eigenen Wesens. Nie behauptet Provost, das Rätsel ihrer In­spiration vollends zu entziffern. Violette darf unergründlich bleiben.

Als Ausstattungskino macht der Film erfreulich wenig her. Sein Erzählgestus ist zu intim, um in diese Falle zu tappen. Das Milieu der Pariser Literatenkreise gewinnt nur blassen mondänen Glanz. Der Blick von Yves Capes Kamera ist konzentriert auf das karge Ambiente, in dem sich ­dieses Schriftstellerleben zuträgt. Türen und Hände (»Meine Mutter hat nie meine Hand gehalten«, lautet der Eröffnungssatz von Violettes Romandebüt) ­ziehen sich als Leitmotive durch den Film. Sie schillern zwischen Trauma und Aufbruch. »Mein Leben war nur Zerstörung«, sagt Violette. Und der Film erwidert: »Zeit, etwas zu schaffen«.

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