Kritik zu Pfarrer

© Salzgeber

2014
Original-Titel: 
Pfarrer
Filmstart in Deutschland: 
10.04.2014
V: 
L: 
90 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Kein Verstecken hinter Formeln oder Autoritäten: Die Dokumentarfilmer Chris Wright und Stefan Kolbe beobachten junge Frauen und Männer bei der Ausbildung zum Pfarrer

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Pfarrer stehen normalerweise auf der Kanzel. Oder sie drücken einem beim Verlassen der Kirche gelegentlich die Hand. Im Kinofilm gerät zuweilen ein Pfarrer durch eine Mordbeichte in einen Gewissenskonflikt. Wenn Chris Wright und Stefan Kolbe sich mit der Kamera jungen Vikaren im Predigerseminar annähern, dann ist das nicht ganz so dramatisch. Sehenswertes Kino ist den beiden dennoch gelungen. Die beiden Dokumentarfilmer haben einen visuellen Zugang zu einem Thema gefunden, bei dem es um etwas Abstraktes geht: den Glauben.

Ein Jahr beobachteten Wright & Kolbe junge Frauen und Männer während der Endphase ihrer Ausbildung zum evangelischen Pfarrer. Das Predigerseminar liegt in der Lutherstadt Wittenberg, einst Zentrum der Reformation. Heute leben hier fast 80 Prozent Ungläubige. Auch die Filmemacher geben sich als Atheisten zu erkennen. Die dokumentarische Beobachtung wird so zu einer Herausforderung der Protagonisten, die den Zuschauer teilhaben lässt. Der filmische Prozess bleibt nicht außen vor. Wenn die Kamera langsam im Kreis herumfährt, dann rücken die beiden Regisseure ihre Position als Beobachter und Fragensteller mit ins Bild.

Diese wechselseitige Annäherung ist ertragreich. Wenn eine junge Frau beim Erteilen des Segens ein hartnäckiges Blackout hat, dann wird deutlich, dass noch kein Pastor vom Himmel gefallen ist. Mit solchen Beobachtungen beim Erlernen des religiösen Handwerkszeugs ist der Film aber noch in der Aufwärmphase. Wright & Kolbe nehmen sich Zeit, um den angehenden Pfarrern zuzuhören. Dabei entsteht eine meditative Nähe. Es ist verblüffend, mit welcher Bereitwilligkeit sich diese jungen Menschen Fragen nach Tod und Krankheit aussetzen, von denen sie nicht selten auch betroffen sind. »Seit ich zehn bin, habe ich Diabetes, und mit 16 hatte ich Krebs«, sagt eine Pastorentochter. Mit einem Lächeln fügt sie hinzu: »Damit kann ich bei Senioren punkten.«

Spürbar wird, dass die Vermittlung von Glauben eine eigentümliche Form von Berufung voraussetzt. Formelhaften Begriffen wie »Gott« und »Sinn des Lebens« muss jeder angehende Pfarrer auf seine jeweils eigene Weise Bedeutung verleihen. Der Film beobachtet eine moderne Form von Initiationsritus. Für dieses tastende Suchen haben Wright & Kolbe viel Gespür. Man lernt in ihrem Film Menschen kennen, die sich nicht hinter Autoritäten und Formeln verstecken. Bei der gewissenhaften Auseinandersetzung mit ihrer Mission gibt es keinen doppelten Boden. Woody Allen würde sagen, dass bei der Metaphysikklausur nicht geschummelt werden darf. Man beginnt zu ahnen, dass der Film deswegen so gut funktioniert, weil zwischen der Kamera und der Leidenschaft zur Introspektion eine gewisse Beziehung besteht. Diese permanente Infragestellung kann auch sehr problematisch werden. Ein überraschender Epilog dokumentiert den unsteten Weg eines angehenden Pfarrers, der nach einem Zusammenbruch für einige Zeit in die Psychiatrie musste.

Meinung zum Thema

Kommentare

er Dokumentarfilm zeigt 5 Mitglieder einer 25köpfigen Vikariats-Gruppe im letzten (praktischen) Teil ihrer Ausbildung zum Gemeindepfarrer (Vikariat). Neben ihrer praktischen Ausbildung in den Gemeinden treffen diese sich innerhalb des zweijährigen Vikariats etwa alle 2 Monate für 10 Tage im Prediger-Seminar in Wittenberg, um dort praktisch-theologisch ausgebildet zu werden. Neben der Aneignung von Wissen und praktischen Fähigkeiten (Singen, Gottesdienst-Leitung, Predigen usw.) liegt ein Schwerpunkt im Seminar auf der Selbstreflexion der Vikare, die spätestens hier für sich Antworten auf zentrale Glaubens- und Lebensfragen finden sollen, bevor sie später als Pfarrer einer Gemeinde gegenübertreten. In diesem Ringen mit sich und ihrer Berufung begleitet der Film die Protagonisten. Eine Stärke des Films ist, diese zentralen Fragen zu stellen und nah an die Personen heranzukommen. Die Schwäche des Films liegt in der Auswahl der Protagonisten. Neben 4 unsicheren Vikar(inn)en wurde ein psychisch labiler ausgewählt. Entsprechend ausweichend, unsicher, einschränkend und nichtssagend fallen die Antworten im Film aus (oft nach langer Zeit des Überlegens). Wie die Filmemacher auch selbst zugeben, gab es auch Vikare, die fest im Glauben stehen und dies auch hätten äußern können. Leider kommen sie in dem Film nicht zu Wort. Ein repräsentativer Querschnitt (den ja ein Dokumentarfilm eigentlich liefern sollte) sieht anders aus. So muss sich der unwissende Zuschauer ziemlich befremdet vorkommen, welche wenig glaubenden, unsicheren Pfarrer da in die Kirche aufgenommen werden. Auch das Bild von Kirche erscheint im Film recht düster und streng. Da wurden die freudigen Momente (die auch ein Gottesdienst sicher hat) einfach weggelassen. Auch dies kein repräsentatives Bild. Gesamtfazit: Schade. Statt eines echten Ausschnittes ein tendenziöser Dokumentarfilm, der seine kirchenkritische Attitüde an den Zuschauer bringen möchte.

Nein, dieser Film ist ganz sicher nicht tendenziös. Doch so lange es falsche Erwartungen gibt, wird es auch enttäuschte Kommentatoren geben. Da ist z.B. die irrige Annahme, dass ein Dokumentarfilm einen "repräsentativen Querschnitt" liefern müsse - was nun wirklich nicht der Fall ist. Dokumentarfilme sollen die Realität zeigen, und selbstverständlich dürfen sie dabei selektiv wahrnehmen; genau genommen müssen sie das sogar. Wie jedes Foto können auch Filme immer nur einen Ausschnitt der Realität zeigen. Und genau das ist die hohe Kunst dokumentarischer Filmarbeit: Die Auswahl dessen, was gezeigt wird. Gerade der Blick auf Aspekte jenseits der Klischees kann überaus reizvoll, überraschend, aufrüttelnd oder auch verstörend sein. Ein Film über angehende Pfarrer, die sich ihres Glaubens sicher sind, wäre nichts Falsches - aber er wäre so spannend wie ein Film über Metzger, die selbst gern Fleisch essen. Hier wären die Vegetarier unter den Metzgern möglicherweise das spannendere Thema. Nicht einfach der Blick auf das, was ist, macht viele gute Dokumentarfilme aus, sondern der Blick auf das, was "auch ist". Vor einem Fehler muss sich der Dokumentarfilm natürlich hüten: Er darf nicht die Ausnahme mit der Regel verwechseln und z.B. so tun, als sei die Mehrheit der Vikare im Glauben nicht fest genug, psychisch labil oder verstrickt in verzweifelter Sinnsuche. Dem Zuschauer einen Nebenaspekt als repräsentativen Querschnitt zu verkaufen, das wäre in der Tat tendenziös. Für meine Begriffe aber tut das der Film "Pfarrer" nicht. Er zeigt Menschen, die noch nicht auf alles eine Antwort haben, die daher auch mal "nichtssagend" antworten müssen. Na und? Er konzentriert sich auf die Suchenden, ist auch ganz sicher keine Kirchen-PR, muss deshalb aber noch nicht als Kirchenkritik verstanden werden. Wie langweilig wäre ein weiterer Film über christliche Eiferer und unverwüstlich Bekehrte gewesen. Die gibt's, das wissen wir doch schon, und die rhetorischen Schleifen der bibelfesten Allesbeantworter sind bereits zur Genüge dokumentiert. Wenn dieser Film zeigt, dass auch Kirchen nur Institutionen und manche Vikare nur zweifelnde Menschen sind, dann ist er deshalb möglicherweise unbequem und manchen Imagezielen nicht dienlich, aber er ist deshalb noch lange nicht tendenziös oder schlecht gemacht - im Gegenteil.

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns