Kritik zu Nirgendland

© Basis Filmverleih

2014
Original-Titel: 
Nirgendland
Filmstart in Deutschland: 
02.04.2015
L: 
72 Min
FSK: 
16

Die Dokumentarfilmerin Helen Simon vollzieht den schmerzvollen und mühsamen Aufarbeitungsprozess einer Frau nach, die von ihrem Vater missbraucht wurde

Bewertung: 4
Leserbewertung
4.5
4.5 (Stimmen: 2)

»Es ist doch gar nichts passiert.« Diese Floskel des Vaters von Tina Reuther wirkte viele Jahre wie ein mächtiges Schloss, das die Erinnerung an die grausame Seite ihrer Kindheit im Unterbewusstsein verbarg. »Ich wollte unbedingt eine heile Familie«, erklärt sie ihr Schweigen und Schönreden, obwohl sich der Vater an ihr verging und die Mutter beim leisesten Hinweis auf das Ungeheuerliche mit Selbstmord drohte. Nirgendland, Helen Simons ausgezeichneter Dokumentarfilm, vollzieht behutsam und geduldig noch einmal den schmerzenden Prozess nach, in dem die so vital wirkende Frau genötigt war, sich der Tragödie ihrer Familie zu stellen. Wie lässt sich mit dokumentarischen Mitteln erzählen, was sexueller Missbrauch anrichtet, ohne die in paradoxe Abwehr- und Überlebenstricks verstrickten Opfer ein weiteres Mal zu demütigen?

Helen Simons Film, ihre Abschlussarbeit an der Münchner Filmhochschule, konzentriert sich auf die Stärke und Wahrhaftigkeit der Frau vor der Kamera, die Zeit braucht, um allmählich und mit heftigen Gefühlsaufwallungen darüber zu reflektieren, was die Taten und deren Verheimlichung anrichteten. Zeit und Raum, den Horror zu ermessen, ermöglichen ausgedehnte Zwischenschnitte mit einer Soundcollage, die eine Spur zu genre-betont mit Thrilleranklängen spielt. Die Kamera fährt auf Wohlstandsvillen zu, bleibt vor einem dunklen Zimmerwinkel stehen und gleitet durch undurchsichtiges Waldgestrüpp: Alltagsorte, die Tatorte sein könnten.

Schicht um Schicht deckt Helen Simons mutige Protagonistin die routinierten Missbrauchsmethoden im Milieu einer wohlsituierten bayerischen Familie auf. Die bunten Bilder ihrer Fotoalben spiegeln gespielte Harmlosigkeit und sind doch »wahr«. Anschaulich und scharfsichtig schildert Tina Reuther anhand dieser Bilder die abgespaltenen Seiten ihres kindlichen Selbst, das Scham, Ekel und Verzweiflung vergessen wollte. »Ich habe mir selbst geglaubt«, beschreibt sie ihren Hang zur Verdrängung, ihre paradoxe Treue zur kaputten Familie.

Ihrer inneren Blockade rechnet sie auch zu, dass sie – Jahre später als alleinerziehende Mutter viel beschäftigt – ihre eigene kleine Tochter bei den Großeltern übernachten ließ und nicht auf die Idee kam, sie vor den Übergriffen des Großvaters schützen zu müssen. Nirgendland fasst die scheinbare Fühllosigkeit aus Not in ein Sprachbild.

Die Tochter Floh suchte andere Fluchtmöglichkeiten. Sie tauchte im Münchner Punk- und Suchtmilieu unter und besorgte sich Geld als Prostituierte, »weil sie meinte, das könne sie ja«, wie eine Freundin resümiert. Fotoautomat-Aufnahmen zeigen sie in immer neuen Outfits, Frisuren und Mimiken. Ein Clown mit zerschnittenen Armen sei die junge Frau gewesen. Erst als der Onkel ihre kleine Cousine ebenfalls beim Großvater übernachten ließ, brach die Panzerung. Tina und Floh brauchten weitere zwei Jahre, bis sie den Täter anzeigten, doch der wurde freigesprochen. Heute quält sich Tina mit der Wucht ihres Schuldgefühls, für den Selbstmord ihrer Tochter verantwortlich zu sein.

Meinung zum Thema

Kommentare

habe gerade einen autobiographischen Roman geschrieben.
"Der Scheinquittensammler-Geständnis eines Pädophilen"
- ich bin selbst Betroffene- Opfer- zum Schweigen gebrachte....und nun habe ich geredet- allerdings aus seiner Sicht- seine Briefe, die er mir vererbt hat...hätte ich es gewusst, ich weiß nicht ob ich etwas gesagt hätte- aber unbewusst habe ich bei meiner Stiefschweser übernachtet, als sie im selben Alter war wie ich, als es anfing...

Ein "Clown mit zerschnittenen Armen"war Floh sicher nicht, und sie war auch nicht 14 als sie Heroin das erste mal nahm und sie war auch nicht lesbisch sondern bi, nur hätte Tina niemals ertragen wenn Floh einen Jungen mit nach Hause genommen hätte, unterbewusst hat die Mutter ihr vieles auferlegt. Ihr seid freche Mädchen, die haben keine langen Haare, da waren wir sogar beide stolz auf unsere rasierten Schädel. Tinas Geschichte mag so gewesen sein, Flohs Geschichte war aber viel facettenreicher und hätte wenn es schon Thema ist, wesentlich neutraler recherchiert werden sollen.Die "Wahrheit" hat eben viele Gesichter".

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns