Kritik zu The Limits of Control

© Tobis

2009
Original-Titel: 
The Limits of Control
Filmstart in Deutschland: 
28.05.2009
Musik: 
V: 
L: 
116 Min
FSK: 
12

Selbstverliebte Filme über selbstverliebte Typen oder Kino nach Art des modalen Jazz? Der neue Film von Jim Jarmusch spaltet einmal mehr die Nörgler von den Genießern

Bewertung: 4
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Es ist ein Leichtes, sich von Jim-Jarmusch-Filmen bezaubern zu lassen. Ganz Cineasten-Deutschland ist von Jim Jarmusch bezaubert. Ganz Cineasten-Deutschland? Nein, ein kleiner Haufen grimmiger Realisten lässt sich das Nörgeln nicht verbieten: Unverbindliche Spielerei! hört man da: selbstverliebte Filme über selbstverliebte Typen, Outlaw-Koketterien und späthippieske Streicheleinheiten für Selbstreferenzsüchtige. Gelegentlich möchte ich auf die eine oder andere Stimme aus dem kleinen Haufen der Nicht-Bezauberten hören. Nach drei, vier Einstellungen eines neuen Jarmusch-Films habe ich das immer vergessen. Tut mir leid.

Dabei macht es Jarmusch seinen Kritikern in The Limits of Control eigentlich nicht allzu schwer. Das Konstruktionsprinzip des Anti-Plots ist schnell durchschaut, die Komposition geht nach einer Zeit in eine veritable Jarmusch-Parade von Motiven, Objekten, Sätzen und Darstellern über, und sogar das dramatische Ende kann man anhand der Besetzungsliste und der Binnenlogik der Jarmusch-Filme einigermaßen sicher voraussehen. Dass der Film meinen Erkenntnisstand, unsere Welt und ihre Krisen betreffend, verbessert habe, kann man wohl auch nicht sagen. Schön ist das Ganze natürlich trotzdem.

Es geht um einen Mann, der mehr oder weniger treffend »geheimnisvoller Fremder« genannt wird. Er hat einen geheimnisvollen Auftrag in Spanien zu erfüllen, und in Spanien gibt es nicht nur sehr schöne Drehorte, sondern auch Museen mit schönen Bildern, die wiederum eine geheimnisvolle Rolle in dem geheimnisvollen Spiel spielen, in dem es um Streichholzschachteln der Marke »Boxeur«, um Diamanten, um eine wertvolle Gitarre und um Nachrichten geht, die der geheimnisvolle Fremde, kaum hat er sie erhalten, mit einem von den zwei Espressos herunterschluckt, die er sich jedes Mal in einem Café bestellt (nicht etwa einen doppelten Espresso, sondern zwei Espressos in einzelnen Tassen, da kann der ansonsten so ruhige, undurchdringliche geheimnisvolle Fremde richtig heftig werden!). Die Beteiligten indes teilen nicht nur geheimnisvolle Nachrichten, sondern auch lakonisch-poetische Statements über Kunst, Musik oder Moleküle. Es ist, wie gesagt, weniger eine Geschichte als eine cineastische Installation. Jede Einstellung könnte man sich auch als Kunstdruck ins Wohnzimmer hängen, jede Dialogzeile könnte Eingang in einen Lyrikband finden, jeder Auftritt von einem der Jarmusch-Darsteller ist eine autarke Performance, die Musik von Boris und Sunn O))) stand ohnehin schon vor dem Film für sich. Und all das ist in diesem wundervollen Flow mit den leichten Überlagerungen und Breaks, wie es eben nur Jarmusch versteht, in Bewegung gebracht. Besonders aufregend, andererseits, ist das alles aber auch wieder nicht.

Denn ganz anders als Broken Flowers, dessen Todesreise durch die Ränder von zerfallender Biografie und zerfallender Gesellschaft führte, anders als Dead Man, dessen Todesreise durch eine zerfallende Mythologie und eine zerfallende Erzählweise führte, anders als Ghost Dog, dessen Mördergeschichte durch eine zerfallende Stadt und eine zerfallende Weisheit führte, führt die Mördergeschichte von The Limits of Control durch eine zerfallende Kinogeschichte und eine zerfallende Kunsttheorie. Eine Art Selbstdekonstruktion.

Der Titel beschreibt zugleich Inhalt und Methode. Die Segmentierung der Stationenreise ließ wiederum Raum für Improvisationen, die, sagen wir, nach der Art des »modalen Jazz« in der Weise von Miles Davis funktioniert: Die Episoden sind Duette, in denen immer der bewundernswerte, präzise und sparsame Isaach de Bankolé eine rhythmische Basis liefert. Übrigens endet das Stück damit, dass der Künstler durch eine Flughafentür in eine ganz andere Welt tritt. Nennen wir sie: die Wirklichkeit.

Richtig bezaubert ist man in diesem Film, wenn man einiges von dem abschaltet, mit dem man so gewöhnlich ins Kino geht. Es ist eine Schönheit, in der man sich eher fallenlassen kann als mitzugehen. Man genießt diesen Film, glaube ich, wenn man sich klarmacht, dass er nichts, aber auch gar nichts bedeutet. Er ist einfach. Und das macht er verdammt richtig, auf einer Linie zwischen Dada und Buddha.

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