Kritik zu Inherent Vice – Natürliche Mängel

© Warner Bros.

Paul Thomas Anderson kommt die Ehre zu, der Erste zu sein, der einen Thomas-Pynchon-Roman als Spielfilm realisiert. Eine ganze Phalanx an grandiosen Schauspielern hilft ihm dabei, allen voran ein Backenbart tragender Joaquin Phoenix

Bewertung: 3
Kritikerspiegel
3.5
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Die Namen sind ein Hinweis. Sauncho Smilax, Riggs Warbling, Rudy Blatnoyd, Japonica Fenway – ein Roman, der von solchen Figuren bevölkert ist, kann nicht ganz ernst gemeint sein. Thomas Pynchon hatte offenbar Spaß daran, sich unwahrscheinlich anhörende, irgendwie lustig klingende Namen auszudenken. Sie bilden die Art von Humor, die seinem 2009 erschienenen Roman »Inherent Vice« wie ein Batikmuster eingeprägt ist: auf irgendwas wird angespielt, aber erklären lässt sich der Witz nicht.

Die Hauptfigur des Films heißt Larry Sportello und trägt den Spitznamen Doc, offenbar hauptsächlich deswegen, damit ihn andere mit »What’s up, Doc« ansprechen können. Joaquin Phoenix spielt diesen Doc, einen Dope rauchenden Exhippie im Los Angeles von 1970, der den Beruf des Privatermittlers aufgenommen hat. Die Geschäfte scheinen nicht schlecht zu laufen; gleich zu Beginn bekommt er einen Auftrag nach dem anderen. Seine Exfreundin Shasta (Katherine Waterston) will, dass er die Entführung ihres Liebhabers, eines Immobilienhais mit jüdischen Wurzeln, verhindert. Das Mitglied einer radikalen schwarzen Gang engagiert ihn, um einen ehemaligen Gefängnisgenossen, einen Anhänger der »Arischen Bruderschaft« dingfest zu machen. Letzterer arbeitet – zufällig (?) – für Shastas Liebhaber als Bodyguard. Aber die entscheidenden Hinweise wird Doc bei seinem nächsten Auftrag erhalten, bei dem eine ehemals Heroinsüchtige ihn bittet, ihren verschollenen Mann zu finden. Bis dahin sind indes auch Shasta und ihr geliebter Wolfman auf rätselhafte Weise verschwunden.

Ein Privatdetektiv, der so viel hascht wie er Hinweise sammelt, attraktive Damen in Bedrängnis bringt und eine absichtsvoll unübersichtliche Spur von Untaten hinterlässt, die sich durch verschiedenste Schichten und Viertel von Los Angeles zieht: In Inherent Vice trifft The Big Sleep auf The Big Lebowski, während im Hintergrund Chinatown und The Long Goodbye winken. Wer Vergnügen daran hat, solche Einflüsse aufzuschlüsseln oder wissend lächeln kann, wenn sich rund um Owen Wilsons Pizza essende Figur für einen Moment da Vincis Abendmahlsszene nachbildet – der sitzt hier im richtigen Film. Alle anderen werden Mühe haben, die zweieinhalb Stunden des Films mit gleichbleibender Aufmerksamkeit durchzustehen.

Auf dem Papier klang es so gut: Paul Thomas Anderson, bekannt für profunde, mit Spinnern und Psychopathen bevölkerte Filme wie Boogie Nights, There Will be Blood und zuletzt The Master, verfilmt Thomas Pynchon, bekannt für wild mäandernde Romane voller skurriler Paranoiker. Auf der Leinwand aber wird daraus eine geradezu gediegene Literaturverfilmung, die eine ganze Kohorte von grandiosen Schauspielern für Minutenauftritte vergeudet. Sicher, das alles ist makellos in Szene gesetzt und hochatmosphärisch aufgeladen, so, als ginge es tatsächlich um zeitgeschichtlich Bedeutsames wie etwa das klägliche Verenden der Gegenkultur unter Nixon, Drogenmissbrauch und die Schreckenstaten der Manson-Bande. Aber wo er Tiefe zeigen will, erweist sich der Film als so flach wie sein Humor.

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