Kritik zu High-Rise

© DCM

2015
Original-Titel: 
High-Rise
Filmstart in Deutschland: 
30.06.2016
B: 
Musik: 
V: 
L: 
119 Min
FSK: 
16

Etwas ist faul – im eigentlich für alle Bedürfnisse und Schichten eingerichteten Hochhaus: Ben Wheatley, seit »Sightseers« auch hierzulande ein Begriff, hat J. G. Ballards dystopischen Roman aus dem Jahr 1975 verfilmt

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Was für ein grandioser erster Satz, mit dem der Roman von J. G. Ballard beginnt: »Later, as he sat on his balcony eating the dog, Dr. Robert Laing reflected on the unusual events that had taken place within this huge apartment building during the previous three months.« Dem sarkastischen Tonfall, den die Romanvorlage damit vorgibt, zollt die Verfilmung gleich am Anfang ihre Reverenz. Auch später driftet sie immer wieder ins Surreale ab, nicht nur mit einer Sequenz, in der – als Fantasie des Protagonisten – ­Stewardessen in schmucken Uniformen in Zeitlupe durchs Bild marschieren.

J. G. Ballard, Nichtlesern von SF-Literatur am ehesten bekannt durch die Verfilmungen seiner Romane »Das Reich der Sonne« (Steven Spielberg, 1987) und »Crash« (David Cronenberg, 1996), veröffentlichte 1975 seinen Roman »High-Rise« (deutsch 1982 als »Der Block« und 1992, neu übersetzt, als »Hochhaus« erschienen). Darin erscheint das Hochhaus als moderner Alptraum: weniger »Flammendes Inferno« als Cronenbergs »Parasiten-Mörder«. Das »High-Rise« in Buch und Film ist eine in sich geschlossene Lebensform, die nicht nur Wohn-, sondern auch Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten bereithält. Das Gebäude repräsentiert eine hierarchische Ordnung, in deren Mitte, genauer: im 25. der 40 Stockwerke, der Mediziner Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) Quartier bezieht, über sich die snobistischen Reichen, unter sich die weniger gut Situierten. Ganz oben residiert der Architekt des Gebäudes, der von Jeremy Irons gespielte Mr. Royal.

Als »over-priced cell« beschreibt Dr. Laing im Roman sein Apartment: die Räume aus Beton mit ihren kahl-dunkelgrauen Wänden im Film hinterlassen in der Tat den Eindruck einer Selbstbestrafung. Bald führen Stromausfälle und Müllberge, Kleinigkeiten, die sich summieren, zur Verschärfung der Konflikte: Bei einer Party fliegen Gläser auf die vor dem Haus parkenden Autos, der von den Bewohnern der oberen Stockwerke okkupierte Swimmingpool wird von denen der unteren gestürmt. In den dunklen Gängen kommt es zu Vergewaltigungen, der Supermarkt wird geplündert, und im obersten Stockwerk findet eine Orgie statt. Bei all dem bewahrt der Film die Ruhe seiner Inszenierung, bleibt seiner Rolle als nüchterner Beobachter treu, zumal im letzten Drittel, wenn die Narration zum Stillstand kommt – und »High-Rise« die Agonie, die das Gebäude und seine Bewohner zunehmend befällt, reproduziert.

Drei Männer stechen aus dem Ensemble hervor: der Architekt Royal, den Jeremy Irons mit einer Spur Snobismus und Tragik angesichts der Fehler seiner Schöpfung gibt; Wilder (Luke Evans), TV-Dokumentarfilmer mit anarchistischen Tendenzen, fremdgehender Ehemann einer hochschwangeren Frau (Elisabeth Moss); und schließlich Dr. Laing, der Protagonist. Tom Hiddleston spielt ihn mit einer gewissen Arroganz, hin und her gerissen zwischen oben und unten. Seine medizinischen Fähigkeiten führen zu einer distanziert freundschaftlichen Beziehung zu Royal, während Wilder ihm durch sein Draufgängertum imponiert.

»High-Rise« ist der fünfte Langfilm des Briten Ben Wheatley, allerdings, nach »Sightseers«, erst der zweite, der in die deutschen Kinos kommt. Verstörend sind sie allesamt, in ihrer Verbindung von Genremustern mit Momenten drastischer Gewalt und bösartigem Humor, ob sie nun vom Trip eines Pärchens mit Mordgelüsten durch den britischen Lake District erzählen (»Sightseers«), vom Exsoldaten, der als Auftragsmörder in bizarre Verwicklungen gerät (»Kill List«), oder von einer Gruppe versprengter Soldaten, für die der britische Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts zum psychedelischen Trip gerät (»A Field in England«).

»High-Rise« hat Wheatley in der Zeit der Vorlage belassen; wir bekommen 70er-Jahre-Schlaghosen, Koteletten und Flokati-Teppiche zu sehen, am Ende hören wir sogar noch eine Ansprache von Margaret Thatcher (die 1975, im Jahr der Veröffentlichung von Ballards Roman, Vorsitzende der Konservativen Partei wurde). Das bewirkt zunächst einmal eine Distanz beim Zuschauer – bis dieser merkt, dass dies durchaus ein sehr gegenwärtiger Film über das Ende der Zivilisation ist.

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