Kritik zu Haus ohne Dach

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2016
Original-Titel: 
House without Roof
Filmstart in Deutschland: 
31.08.2017
L: 
117 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Drei Geschwister aus einer kurdischen Familie, geboren im Irak, aufgewachsen ­ in Deutschland, wollen den letzten Wunsch ihrer Mutter erfüllen und ihren Sarg in die alte Heimat überführen

Bewertung: 4
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Ein Leben zwischen den Welten, in einem Haus ohne Dach, zwischen der Unendlichkeit des Himmels, den Sternen und der stabilen, trittfesten Erde. Bis sich die Sterne in Kampfflugzeuge verwandeln und die Erde unter Bomben erzittert. Immer wieder zeigt »Haus ohne Dach«, der Abschlussfilm der kurdisch-irakischen Regisseurin Soleen Yusef an der Filmakademie Baden-Württemberg, solche poetischen Bilder. Unter schwierigsten Bedingungen führt Yusef uns in ihrem Film in ihre Heimat, nach Dohuk, der Hauptstadt des Gouvernements Dahuk in der autonomen Region Kurdistan im Irak. Es ist der erste Film, der dort gedreht wurde, seitdem die radikalislamischen Milizen vom IS die Gegend bekämpfen. Bei den Recherchen und der Suche nach Drehorten holte die Realität das Team immer wieder ein, als sie zum Beispiel erfuhren, dass der IS das nur 60 Kilometer entfernte Mossul in der Zwischenzeit überfallen hatte. Zwischen realer Gefahr und intensiver persönlicher Auseinandersetzung in der Fiktion entstand der Film. Und die weite grüne Landschaft, die vereinzelten Bäume unschätzbaren Alters und die sich endlos durch die Berge schlängelnden Straßen, spielen bei diesem Road-Movie der anderen Art eine nicht geringe Rolle. Von den hilfsbereiten Menschen ganz zu schweigen.

Soleen Yusef hat ihren Film auf Kurdisch und Deutsch gedreht, denn die Handlung beginnt in Stuttgart, wohin sich die kurdische Familie nach dem Tod des Vaters vor Saddam Hussein geflüchtet hat. Mit dem Sturz des Diktators beschließen Mutter und ältester Sohn Jan in die Heimat zurückzukehren. Der jüngere Alan und ihre Schwester Liya bleiben in Deutschland. Als die Mutter stirbt treffen sich die drei Geschwister nach langer Zeit wieder, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Sie will nicht auf dem Familienfriedhof begraben werden, sondern neben ihrem Mann, weit entfernt in seinem Dorf. Die Umstände jedoch, die zu seinem Tod während des Irakkrieges führten, sind unbekannt. Zumindest den beiden jüngeren Geschwistern. Tatsächlich hat er seine Mitstreiter an Saddam Hussein verraten und sich danach das Leben genommen. Kein Wunder, dass der Bruder der Mutter die Überführung verhindern will. Mit allen Mitteln.

Man sieht dem Film nicht an, unter welchen Bedingungen und mit welchem Budget er entstand. Starke Charaktere, karge, aber treffende Dialoge und eine Bewegung, die auch die knapp zwei Stunden überdauert, das Konzept ist durchdacht und überzeugend. Der Krieg, der die Region seit Jahrzehnten bedrängt, die prekäre Lage der kurdischen Minderheit bis heute und die mangelhaften Lösungsversuche der internationalen Gemeinschaft, spielen in die Handlung rein, aber überlagern sie nicht. Politische Didaktik tritt hinter den individuellen Problemen zurück. Die Suche nach dem Gemeinsamen endet unter einem Baum an einem Grab. Und wenn sich die Familie dann weinend in den Armen liegt, gilt das nicht nur der toten Mutter. Immer dann, wenn Soleen Yusef starke Bilder finden muss, sucht sie diese in den Gesichtern der Menschen. Denn bei aller Faszination für den Ort, bei aller Heimatverbundenheit und Sehnsucht nach dem eigenen Land, geht es ihr in erster Linie um das Gefühl der Zusammengehörigkeit. »Haus ohne Dach« ist ein Film, der im besten Sinn, keine Grenzen kennt.

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