Kritik zu Glaube
Die spanische Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa zeichnet das sensible Porträt einer Teenagerin, die ins Kloster möchte und ihre Familie damit vor den Kopf stößt.
Im neuesten Spielfilm der spanischen Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa sitzen sich Maite (Patricia López Arnaiz) und ihre achtzehnjährige Nichte Ainara (Blanca Soroa) am Esstisch gegenüber. »Es ist toll, dass du dich verliebt hast«, beginnt Maite das Gespräch. Aber die Liebe könne doch warten. Vielleicht verwechsle Ainara das Gefühl?
Szenen wie diese kennt man: Erwachsene Familienmitglieder sorgen sich um den Teenie-Nachwuchs, der für die erste große Liebe bereit ist, alles über den Haufen zu werfen. So redet auch Maite Ainara ins Gewissen und versucht, sie zur Vernunft zu bringen: Ainara soll studieren, reisen, andere Sichtweisen erfahren, feiern gehen. Doch Ainara will nicht etwa mit ihrem Freund durchbrennen. Sie will ins Kloster. Die Liebe, von der sie spricht, empfindet sie für Gott.
Um diesen Konflikt dreht sich der gesamte Film. Ainara, die bald die Schule abschließt, will ihre religiöse Berufung finden, worauf ihre säkulare Familie skeptisch bis ablehnend reagiert. Ruiz de Azúa gelingt es dabei, ein stilles und dafür umso berührenderes Porträt einer Familie in Bilbao zu zeichnen, die immer mehr zerbricht. Denn Ainaras Wunsch fördert weitere Konflikte zwischen ihrem verwitweten Vater Iñaki (Miguel Garcés) und Maite zutage und zeigt Iñakis Überforderung auf, für seine drei Töchter zu sorgen. Trotz Krediten von der Bank kann er etwa Ainara keinen Auslandsaufenthalt bezahlen. Maite will für alles einspringen, doch parallel kriselt auch ihre Ehe. Und Ainaras verstorbene Mutter? Die war »verrückt«, wird in der Familie hinter verschlossenen Türen erzählt.
Viele der Szenen finden als Tischgespräche statt, gefilmt aus einer gewissen Distanz. Die Kinematographie von Bet Rourich ist stimmig in ihrer Zurückhaltung und wird untermalt von kühlen Farben und spärlich eingesetzter Musik. So schafft es »Glaube«, einen sanft in eine unspektakulär wirkende Geschichte hineinzuziehen, nur um gegen Ende seine gesamte emotionale Wucht zu entfalten. Zu dieser tragen auch die schauspielerischen Leistungen erheblich bei.
Soroa als Ainara überzeugt mit ihrer zurückhaltenden, doch sturen Art. Einerseits ist sie ein typischer Teenager, trägt im Kloster Pulli, Jeans und Chucks, ist viel am Handy. Zugleich scheinen bei ihr eine nicht klar zu fassende Verzweiflung und die Suche nach Halt durch. Die Lösung hierfür meint sie in den Mauern des Klosters zu finden. Da Vater Iñaki kühl und distanziert reagiert, ist Maites vehementer Einsatz für das Wohl ihrer Nichte umso nachvollziehbarer.
Doch selbst Maites wohlgemeinte Fürsorge beleuchtet der Film kritisch: »Und wenn es sie glücklich macht, auch wenn es dir nicht gefällt?«, fragt Iñaki Maite. Schließlich ist Ainara mit achtzehn Jahren erwachsen. Und dann ist da noch die Priorin des Klosters Isabel (Nagore Aranburu), die die Verantwortung für Ainaras Berufung Gott allein zuschreibt und jegliche Beeinflussung Ainaras strikt ablehnt. Sie, und nicht Iñaki, ist Maites wahre Gegenspielerin. »Du kannst mir alles sagen«, sichern beide Frauen Ainara im Buhlen um ihr Vertrauen zu. Für die Zuschauer*innen wird dabei erkennbar, dass Ainara zu keiner der beiden gänzlich offen ist.
Auch an anderer Stelle offenbaren sich moralische Ambiguitäten. Als Ainara einem Jungen aus dem Schulchor näherkommt und von Iñakis neuer Freundin Estíbaliz (Leire Zuazua) beim Küssen erwischt wird, rastet ihr Vater aus. »Erst willst du Nonne werden, dann schläfst du mit dem Erstbesten«, donnert er. Wirklich Raum, ihre Wünsche zu erkunden, hat Ainara also nicht – stattdessen wirkt es , als stünden ihr nur die Rollen von Hure oder Heiliger zur Wahl. Da mag das Klosterleben, bestehend aus Beten, Singen, Küchen- und Gartenarbeiten, verlockender erscheinen.
Am Ende wünscht man sich möglicherweise, dass der Film stärker Position bezieht. Ist nun Ainara eine »religiöse Fanatikerin«, wie Maite es formuliert, oder ist diese selbst von ihren eigenen Wünschen verblendet und kann die Berufung ihrer Nichte nicht akzeptieren? Für beide Sichtweisen dürfte man im Film Indizien finden. Dass sich »Glaube« weigert, klare Antworten zu liefern, zeichnet ihn letztendlich aus.









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