Kritik zu Einer nach dem anderen

© Neue Visionen

Stellan Skarsgård rächt in Hans Petter Molands neuem Film als lebensmüder Schneeräumer den Mord an seinem Sohn – Mann für Mann für Mann

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Immer wenn es wieder einen der Gang­ster erwischt hat, hält Hans Petter Moland für einen kurzen Moment inne. Die Bilder verschwinden im Dunkel einer Schwarzblende, die zugleich eine Todesanzeige ist. Unter dem Spitznamen, den der Tote in seinen Kreisen hatte, erscheinen auch sein bürgerlicher Name und ein Kreuz oder ein Davidstern. So schenkt diese lakonische Rachefantasie all ihren Opfern einen Augenblick der Individualität. Hier wird zwar einer nach dem anderen getötet, aber das heißt eben nicht, dass die Toten einfach nur gesichtslose Verbrecher sind, auch wenn einen dieser Eindruck gelegentlich beschleicht.

Jahrzehntelang hat der Familienvater Nils Dickman (Stellan Skarsgård) ein ganz und gar unauffälliges Leben in der norwegischen Provinz geführt. Letztlich war ihm seine Arbeit, das Räumen der für diesen Landstrich typischen Schneemassen, alles. Doch das ändert sich, nachdem sein Sohn ­Ingvar gestorben ist. Die Behörden gehen von einer Überdosis aus. Aber daran will Nils nicht glauben. Er beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Nur erscheint genau in dem Moment, in dem er abdrücken will, der beste Freund seines Sohnes und erzählt ihm, dass es Drogendealer waren, die Ingvar umgebracht haben.

Der Augenblick, in dem das Schicksal Nils vorerst rettet, hat bei Hans Petter Moland nichts Pathetisches an sich. Er inszeniert ihn eher mit einem abgründigen Lächeln. Nils hatte bereits die Lippen um den Lauf seines Gewehrs geschlossen. Als er ihn wieder aus dem Mund nehmen will, klebt seine Oberlippe fest. Es ist nun einmal kalt in Norwegen.

Wer dabei an die Filme der Coen-Brüder denkt, liegt zweifelsohne richtig. Nur kühlt Moland die klassischen Muster und Motive des Rachekinos wie des Film noir noch ein paar Grad mehr herunter. So offenbart sich hinter der bitterbösen Lakonie seines Films eine abgründige Absurdität. Nils’ Rettung hat schließlich auch etwas Demütigendes an sich. Sie ist so absurd wie der Moment, in dem sie sich ereignet. Damit ist in gewisser Weise schon alles über den weiteren Verlauf der Ereignisse gesagt.

Nils’ stoischer Rachefeldzug dreht sich nur vordergründig um Gerechtigkeit für seinen Sohn. Auf einer zweiten, verdrängten Ebene ist er auch ein Versuch, die Blöße, die Nils sich mit seinem beabsichtigten Selbstmord gegeben hat, wieder zu verdecken. Insofern ist der erst Schnee, dann Gangster wegräumende Jedermann den Bossen, auf die er stößt, dem norwegischen »Graf« (Pål Sverre Hagen) und dem serbischen »Papa« (Bruno Ganz), näher, als ihm lieb sein dürfte.

Allesamt sind sie Lügner, die dem Bild, das sie von sich selbst erschaffen haben, unbedingt gerecht werden wollen und dabei immer mehr die Kontrolle verlieren. Und so geht es auch Moland, der die Geister, die er mit dieser zynischen Rachegeschichte rief, nicht mehr los wird. Das Morden verselbstständigt sich, und nur die Todesanzeigen bewahren dem Ganzen noch einen Rest menschlicher Würde. Aber das ist nun einmal das Wesen jeder Rache.

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