Kritik zu Die fetten Jahre sind vorbei

© Pathé

2004
Original-Titel: 
Die fetten Jahre sind vorbei
Filmstart in Deutschland: 
25.11.2004
Musik: 
L: 
127 Min
FSK: 
12

Hans Weingartner, Jahrgang 1970, gehört zu den größten Talenten des deutschen Regienachwuchses. Sein Debüt »Das weisse Rauschen«, das Porträt eines Schizophrenen - gespielt von Daniel Brühl -, gehörte zu den Überraschungen des Filmjahres 2001. Sein zweiter Spielfilm, »Die fetten Jahre sind vorbei«, lief im Mai 2004 in Cannes. Es war der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag seit elf Jahren.

Bewertung: 4
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Es war alles schon einmal da, das ist die eigentliche Misere. Rentenkürzung, Staatsverschuldung ... damit könnte man vielleicht leben. Aber wie von einer besseren Welt träumen, wenn alle Debatten geführt scheinen und jede Idee korrumpiert? "Es war alles schon mal da und hat nicht funktioniert", sagt Jule (Julia Jentsch). "Warum soll es bei uns klappen?"

Mit dem Titel seines Films trifft Hans Weingartner den Nerv der Zeit. Die fetten Jahre sind vorbei ... Wobei Weingartner gar nicht in das allgemeine Gejammer einstimmt - sein Filmtitel ist tatsächlich ein Schlachtruf. Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) hinterlassen diese Nachricht - alternativ auch die Mahnung "Sie haben zu viel Geld"- in den Zehlendorfer Luxusvillen, in die sie einbrechen. Nicht um zu stehlen: die jungen Männer, die ihre Botschaften mit "Die Erziehungsberechtigten" unterschreiben, stellen die Wohnungen der Reichen auf den Kopf, um deren Luxusordnung zu erschüttern. Weingartners Idee hat Witz und Charme: Eine Stereoanlage landet im Kühlschrank, Meißener Porzellanfiguren im Klo, Stühle und Tische werden zu kunstvollen Türmen gestapelt, auf dass sich die heimkommenden Villenbesitzer nicht mehr so richtig wohl fühlen im edlen Eigenheim. "Poetischen Widerstand" nennt das der Regisseur.

Poesie und Schönheit strahlte schon die Parallelwelt aus, die Weingartner in seinem Debütfilm »Das weisse Rauschen« (2001) entworfen hatte. In seinem Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien in Köln hatte er die Wahrnehmung eines Schizophrenen nachempfunden. Weingartner, der eigentlich Österreicher ist, aber seit seinem Filmstudium in Deutschland lebt, wurde dafür mit zahlreichen Preisen bedacht und als Talent gefeiert. Freundschaft, Liebe und Widerstand sind die Eckpunkte in Weingartners neuem Film. Und das Schöne an den Fetten Jahren ist, dass der Regisseur seine jungen Helden ernst nimmt, ihre Wut auf die Ungerechtigkeit der Welt und ihre Suche nach Formen der politischen Revolte. Weingartner schaue seinen Figuren gewissermaßen beim Denken zu, hat Katja Nicodemus in der "Zeit" geschrieben. Entsprechend unbeholfen, tastend, manchmal naiv oder auch peinlich wirken die Dialoge - und in jedem Fall sehr lebendig. Auch als Jule, die eigentlich Peters Freundin ist, sich in den ernsthaften, ein wenig verbissenen Idealisten Jan verliebt. Und das wird so sorfältig dargelegt, dass man die Gefühle auf der Leinwand förmlich entstehen sieht.

Jule kann mit der Lässigkeit von Peter immer weniger anfangen, weil sie selbst ein handfestes Problem hat. Bei einem Auffahrunfall hat sie eine Luxuskarosse demoliert; und weil sie weder TÜV-Bescheinigung noch Versicherung für ihr Auto hatte, steht sie nun mit 94.500 Euro Schulden da. Ein starker Moment ist das, wenn man begreift, dass Jule dabei ist, ihre Jugend und ihre Träume zu verlieren. Die Schauspieler sind glänzend in diesem Film. Daniel Brühl spielt Jan als etwas naiven Idealisten, der bei aller Gutmütigkeit etwas lauernd Gefährliches ausstrahlt. Und auch Peter, den Stipe Erceg verkörpert, wirkt auf faszinierende Weise unberechenbar. Julia Jentsch ist eine Entdeckung fürs Kino, bislang hatte sie hauptsächlich Theater gespielt.

Weingartner und seinen drei hervorragenden Hauptdarstellern gelingen stimmige Porträts, die sich zum Bild einer Generation zusammenfügen. Einer Generation, die damit klarkommen muss, dass Provokation schwierig geworden, eine bessere Weltordnung aber immer noch nicht in Sicht ist. Noch dazu erscheint alles wie ein Zitat. Wenn Jan etwa über die "kapitalistische Diktatur des Systems" räsonniert, klingt das wie aus einem Wörterbuch der 68er. Und auch die Musik von Freddy Quinn kann man schon wieder hören beim Autofahren, mit quasi ironischen Vorzeichen: "So schön, schön war die Zeit ..."

Der großen Lähmung, die das bedeuten könnte, stellt Weingartner die Energie und den Witz der jungen Leute entgegen - und eine ungemein bewegliche Kamera. Wie schon »Das weisse Rauschen« hat Weingartner auch »Die fetten Jahre sind vorbei« durchgehend digital gedreht. So kann er sich ganz auf seine Figuren konzentrieren, ihren Bewegungen folgen, was auch Emanzipation bedeutet von starren Verhältnissen.

Stimmige, auch optisch überzeugende Bilder sind so entstanden, die mit dieser Technik wieder versöhnen, die man als Notlösung für Low-Budget-Produktionen schon zu hassen gelernt hatte. Wenn aber etwa Jule, Peter und Jan nach einem misslungenen Einbruch in der Eingangshalle einer Villa nach einer Lösung suchen, dann sind die Handkamerabilder perfekt, um die Unsicherheit des Trios wiederzugeben. Mit den Figuren werden Bewegungen begonnen und wieder abgebrochen, die Kamera schwankt unentschlossen hin und her. Und findet wie Jule, Peter und Jan keinen festen Standort und keinen Ausweg. Die Party ist plötzlich vorbei, weil Jule von Hardenberg, dem Mann, dem sie die 95.400 Euro schuldet, erkannt wurde. Jan hatte zugestimmt, in dessen Villa einzubrechen, weil er in Jule verliebt ist. Peter, der Jule immer noch für seine Freundin hält, flieht mit ihnen in die Berghütte von Jules Onkel; den reichen Manager nehmen sie mit. Nachdem vorher fast der ganze Film in der Nacht spielte, künstliches Licht und kräftige, nicht ganz realistische Farben dominierten, tut das Tageslicht nun den Augen weh.

Hardenberg, den Burghart Klaußner brillant verkörpert, ist eine unergründliche, mephistophelische Figur. Seinen Reichtum finden die drei abstoßend - aber wirkt er in der persönlichen Begegnung nicht eigentlich ganz nett? Er kifft, plaudert von seiner WG-Vergangenheit, der "linken" Jugend - und übernimmt mehr und mehr das Kommando. Erschütternd überzeugend erzählt er vom Verlust seiner Ideale, schildert den exemplarischen Lebenslauf eines 68ers, der nun zum Establishment gehört: Erst kamen die Kinder, dann das Haus, dann der gute Job, damit man seinen Kindern was bieten kann. "Und plötzlich ertappst du dich in der Wahlkabine, wie du das Kreuzchen bei der CDU machst ..." So nüchtern und desillusionierend hat man das selten gehört. Jans Parolen klingen plötzlich noch inhaltsleerer als früher. Die Jungen, die ohnehin ohne Konzept dastehen, scheinen keine Chance gegen den gerissenen Alten zu haben.

»Die fetten Jahre sind vorbei« entwickelt sich fast zur Komödie - bis an diesem zivilisationsfernen Ort schließlich gar eine Versöhnung der Generationen und Weltanschauungen möglich erscheint. Die Konzeptlosigkeit des Trios bremst jedoch leider auch den Film, der in den Bergen an Spannung und Präzision verliert. Auch Weingartner weiß am Ende nicht recht weiter, den Schluss des Films hat er zum Kinostart noch einmal umgeschrieben. Und wie schon in »Das weisse Rauschen« entscheidet er sich für einen Wunschtraum - weil alle realistischen Alternativen unerträglich wären.

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