Kritik zu Die feine Gesellschaft

© Neue Visionen Filmverleih

Bruno Dumont greift in seinem neuen Film den grotesk-satirischen Ton seiner Mini­serie »P’tit Quinquin« auf und verbindet diesmal Krimielemente mit Kannibalismus und Klassenkampf Anfang des 20. Jahrhunderts an Frankreichs Küste

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Die französische Opalküste ist ein malerisch schöner Ort. Kein Wunder, dass sich das städtische Bürgertum Anfang des 20. Jahrhunderts diese Idylle als sommerliches Ausflugsziel wählte. Die örtlichen Fischer, die von den neureichen »Sommerfrischlern« wie Figuren in einem Tableau vivant bewundert werden, beobachten in »Die feine Gesellschaft« die Symptome dieser »Gentrifizierung« mit Missfallen: Die Sommergäste verschandeln die Natur mit pseudoägyptischer Architektur, und ihre Automobile verpesten die frische Seeluft. Sie bewegen sich wie Fremdkörper in der Landschaft, die Bruno Dumont in seinem achten Film historischen Postkartenmotiven nachempfunden hat.

Das Gefühl der Entfremdung bricht sich in Dumonts Filmen meist in Form abrupter Gewalttaten Bahn. Diese Gewalt ist auch in »Die feine Gesellschaft« allgegenwärtig, doch sie liegt verborgen zwischen den Dünen und im schlickigen Morast des Küstenstreifens, den sich die Bürgerlichen mit dem Bauernvolk teilen. Menschen, allesamt Zugereiste aus dem Norden des Landes, verschwinden spurlos, die sichtlich überforderte Polizei – in Gestalt des ballonähnlichen Inspektors Machin – steht vor einem Rätsel. Dessen Lösung, daraus macht der Film kein Geheimnis, liegt in den Kochtöpfen der Fischerfamilie Brufort, die die menschlichen Überreste der verhassten Bourgeoisie ihren Kindern zum Fraß vorwirft.

»Die feine Gesellschaft« beginnt also als Farce und steigert sich bald zur Groteske. Der Misanthrop Dumont erprobte diesen überraschenden Tonfall bereits in der Miniserie »P'tit Quinquin« (2014). Sein neuer Film greift die Figurentypologie der Serie auf, verzichtet diesmal jedoch auf subtilere Zwischentöne. Der Humor in »Die feine Gesellschaft« changiert zwischen burleskem und grobem Slapstick, und die Handlung ist eine einzige Parade grotesker Körper, die mit boshafter Freude den Kräften der Schwerkraft ausgesetzt werden. Der geistig indisponierte Familienpatriarch André van Peteghem (Fabrice Luchini) besitzt eine geierhafte Statur und zwei linke Hände, deren Kräfte ihn schon beim Anschneiden des Festtagsbratens verlassen. Seine Schwester Aude (Juliette Binoche) ist eine Hysterikerin, der Schwager (Jean-Luc Vincent) ein brabbelnder Schwachkopf, der im gesamten Film mit drei Dialogsätzen auskommt. Die körperlichen und geistigen Defizite seiner Sippschaft erklärt das Familienoberhaupt mit »industriellen Interessen« – der Geldadel lebt und heiratet gerne unter sich. Auch in der Fischerfamilie haben sich offensichtlich nicht die besten Gene durchgesetzt, obwohl der Vater in einem Gemälde von Monet eine stolze Figur abgeben würde.

Keine der beiden Familien kommt hier sonderlich gut weg, wenigstens darin bleibt sich der französische Skandalregisseur treu. Dumont allerdings findet in zwei seiner Figuren, dem genderfluiden Sohn der van Peteghems (Raph) und dem leicht debilen Sohn der Fischerfamilie (Brandon Lavieville), deren zarte Gefühle Klassengrenzen überwinden, ein Nachsehen mit der französischen Fin de Siècle-Gesellschaft. Die Kinder werden zu Opfern ihrer sozialen Milieus, auch wenn Dumonts bösartiger Humor keine tröstlichen Bilder für ihre Tragik findet.

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